Politik : Altbekannte Einwände der Serben

ROBERT BIRNBAUM

BONN . Die Militärgespräche zwischen der Nato und dem jugoslawischen Generalstab haben sich festgefahren - nicht ganz unerwartet für die westlichen Vertreter. "Es ist wie ein Deja-vu", sagt ein deutscher Balkan-Diplomat. "Alles wie in Bosnien." Auch damals lagen zwischen dem Dayton-Abkommen und seiner Umsetzung langwierige Diskussionen; auch damals versuchte die serbische Seite bei jeder Gelegenheit, in der Praxis das zu unterlaufen, was sie am Verhandlungstisch zugestanden hatte. Das Muster der Belgrader Einwände kommt der Nato ebenfalls bekannt vor: "Das hatten wir so nicht vereinbart" heißt der eine Einwand; "Das hatten wir zwar vereinbart, das funktioniert aber nicht" der zweite.

Auf den ersten Blick drehen sich die Gespräche zwischen den Militärs um technische Fragen: Wo sammeln sich die im ganzen Kosovo verstreuten jugoslawischen Verbände, über welche Routen ziehen sie ab, mit welchen Mitteln und Befugnissen kontrolliert die Nato die Einhaltung dieser Abmachung, wie sieht der genaue Zeitplan aus? Vergleichbare Fragen gilt es für den Einmarsch der Friedenstruppen zu klären: Wo sind Minen und Sprengfallen verlegt, in welchem Abstand folgen die internationalen Verbände den abrückenden Jugoslawen, wie reagiert man im Falle von Heckenschützen-Überfällen auf die Nato-Truppen?

Die jugoslawische Delegation hat gegen den Detailplan der Nato eine Reihe von praktischen Einwänden erhoben, von denen zumindest einige plausibel erscheinen. So sehen sich die Militärs nicht in der Lage, binnen sieben Tagen ihre zuletzt rund 40 000 Mann nebst Verwundeten und schwerem Gerät abzuziehen - Straßen und Brücken seien zerstört, hinzu komme Treibstoffmangel. Kurz, man brauche zwei Wochen Zeit. Die Nato ist hier gesprächsbereit. US-Verteidigungsminister Bill Cohen nannte zehn Tage als Kompromiß.

Auf wenig Verständnis des Westens stoßen die angeblichen Probleme, die die Jugoslawen bei der Lokalisierung ihrer eigenen Minen vorbringen. "Die hatten in Bosnien recht gute Karten", erinnert sich ein Experte. Ein weiterer Einwand der Belgrader Militärs: "Wer sichert uns dagegen ab, daß die kosovo-albanische Untergrundarmee UCK nicht unsere Leute auf dem Rückmarsch überfällt?" Solche praktischen Probleme mögen praktisch lösbar sein. Aber die Gespräche haken auch an hochpolitischen Fragen. Einen Rückzug der Armee nach Montenegro etwa, die Milosevic-kritische Teilrepublik, will der Westen nicht dulden.

Noch schwerwiegender aber ist: Die serbische Generalität besteht nach Nato-Angaben darauf, daß sie ihre Leute nicht komplett abziehen muß, sondern in Friedensstärke von 10 000 bis 15 000 Mann in der Provinz bleiben darf. Und nach wie vor sträuben sich die Militärs dagegen, daß Nato-Soldaten in das Kosovo einrücken sollen. Daß die Belgrader Führung damit ein Problem hat, ist für den Westen verständlich, aber auf gar keinen Fall akzeptabel: Nach amtlicher serbischer Lesart nämlich verhandeln ihre Generäle an der Grenze zu Mazedonien nicht mit dem Feind, sondern mit den UN und nicht über eine Truppe mit starker Nato-Komponente zur Sicherung der Vertriebenen-Rückkehr, sondern über eine UN-Friedenstruppe zur Sicherung der Grenzen des Kosovo gegen "albanische Terroristen". "Die haben Höllenangst davor, ihren Bürgern die Wahrheit zu sagen", sagt ein westlicher Militärfachmann.

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