Politik : Alte Schule

Im Osten ist es Ostalgie, im Westen Politik: Immer mehr Länder schaffen das Kurssystem an den Gymnasien ab

Anja Kühne

Schulpolitiker sind dabei, das 30 Jahre alte Flaggschiff der reformierten gymnasialen Oberstufe auszumustern: den Leistungskurs. In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg sollen nicht länger zwei Fächer den Stundenplan mit mindestens fünf Wochenstunden und doppelter oder dreifacher Gewichtung in der Abiturnote dominieren.

Statt sich zu spezialisieren, sollen die Gymnasiasten nun lieber ihre „Kernkompetenzen“ stärken sowie gutes Sozialverhalten im Klassenverband üben, sagt Mecklenburg-Vorpommerns parteiloser Bildungsminister Hans-Robert Metelmann. Außerdem könne ein bevölkerungsarmes Flächenland ohne Leistungskurse Geld sparen und damit das Überleben kleiner Gymnasien sichern.

Weg mit den Leistungskursen: Im rot-rot regierten Mecklenburg-Vorpommern denkt man genauso wie im CDU-geführten Baden-Württemberg. Die konservativen Wessis meinen, dass die Schüler so mehr Allgemeinbildung mitbekommen. Im Osten hingegen erinnert man sich an die guten Erfahrungen mit der Schule in der DDR, in der es kein Kurssystem gab. Mecklenburg-Vorpommern will den Abiturienten eine besonders große Tafel an „Hauptfächern“ vorschreiben. Mathematik, Deutsch, Geschichte, die erste Fremdsprache und eine Naturwissenschaft sowie noch eine Fremdsprache oder Naturwissenschaft sollen mit je vier Wochenstunden belegt werden.

Die Idee einer gymnasialen Oberstufe mit Kurssystem stammt aus dem Jahr 1972. Damals waren Sozialdemokraten wie Konservative der Meinung, wegen der Wissensexplosion könne es keinen verbindlichen Bildungskanon mehr geben. In der Oberstufe sollten die Schüler deshalb Schwerpunkte setzen, um sich entsprechend ihrer Neigungen auf ihren späteren Beruf oder ihr Studium vorbereiten zu können. In späteren „Toleranzbeschlüssen“ aus den neunziger Jahren haben sich die Kultusminister dann darauf geeinigt, dass die Länder mehr Spielraum haben sollen. Davon machen einige jetzt Gebrauch.

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