Politik : Altern ohne Elend

Von Rainer Woratschka

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Natürlich ist es kein Zufall, dass die Pflege als Letztes dran ist. Alle anderen Sozialversicherungszweige – Rente, Gesundheit, Arbeitslosenversicherung – wurden bereits runderneuert. Mühevoll zwar, aber bei allem inhaltlichen Streit: Über die Dringlichkeit von Reformen hat man hier nicht groß diskutieren müssen. Bei den Pflegebedürftigen hingegen glauben einige schon wieder, auf Zeit spielen zu können. Ein bisschen Geld ist ja noch da in den Pflegekassen. Und bald stehen wieder Wahlen an, da wollen wir doch bitteschön nicht über Todesnähe, Hinfälligkeit und unsere vergessenen Alten reden. Vielleicht lässt sich das spröde Thema ja doch noch in die nächste Wahlperiode rüberziehen?

Die klare Antwort darauf lautet: Nein. Eine Pflegereform ist überfällig, das Thema wurde schon viel zu lange verschleppt, verschoben, verdrängt. Unsere Pflegeheime sind zu düsteren Sterbeheimen geworden, weil kaum einer, der halbwegs bei Kräften ist, da mehr rein will. Zu Hause aber ist immer seltener noch jemand da, der pflegen könnte – und wenn, dann geben diese Frauen (häusliche Pflege ist fast ausnahmslos weiblich) viel zu oft Job, familiären Frieden und eigene Gesundheit dran und sind am Ende körperliche und seelische Wracks. Profipflegekräfte wiederum sind demotiviert, wegen des ihnen aufgezwungenen Satt-Sauber- Arbeitsalltags ebenso wie über grottenschlechte Bezahlung. Gleichzeitig sind gut 100 000 deutsche Haushalte gezwungen, illegal Pflegerinnen aus Osteuropa zu beschäftigen, weil deutsche Rundumbetreuung in den eigenen vier Wänden unerschwinglich geworden ist. Und die Demografiebombe tickt. Bis 2050 wird sich die Zahl der über 80-Jährigen verdreifacht haben. Immer weniger Beitragszahler, immer mehr Pflegefälle. Besonders die Zahl der Demenzkranken wird zulegen, sie steigt schon jetzt pro Jahr um 200 000.

Was also ist zu tun? An drei Grundeinsichten können sich die Akteure, bei allem politischen Dissens, nicht vorbeimogeln. Erkenntnis eins: Es geht nicht ohne mehr Geld. Woher es kommen soll, darüber darf gestritten werden, nicht aber darüber, dass es fließen muss. Seit Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 sind die Leistungen nicht erhöht, also faktisch immer weniger geworden. Und die sogenannte „Wunschliste“ der Koalition, die in Wirklichkeit eine Notwendigkeitsliste ist, kostet auch. Die Aufwertung ambulanter Pflege muss bezahlt werden, die Einbeziehung Demenzkranker ins Leistungssystem auch. Hinzu kommt die Einsicht, dass man dem demografischen Wandel begegnen und dafür vorsorgen muss.

Erkenntnis zwei: Es geht nicht ohne mehr Menschlichkeit. Die durchökonomisierte Pflege im Minutentakt sollte auf chemische Reinigungen und Autowaschanlagen beschränkt bleiben. Menschen haben, wie hinfällig sie auch sind, Anspruch auf individuelle Zuwendung ohne Stoppuhr – auch wenn das Essen oder der Gang zur Toilette mal etwas länger dauert. Alternative Wohnformen sollten gefördert werden, und wenn es denn weiter Heime braucht, so sind kleinere Einheiten nötig. Die Bewohner müssen ihre Privatsphäre haben und gestalten dürfen. Dazu gehört übrigens auch das Einbettzimmer, das bislang jedem Sträfling, nicht aber jedem (zahlenden!) Pflegebedürftigen zusteht. Generell bedarf es finanzieller Anreize für gute Pflege. Im Moment geschieht das Gegenteil: Die Heime kassieren am meisten von der Pflegeversicherung, wenn ihre Bewohner besonders hinfällig sind.

Erkenntnis drei: Es geht nicht ohne mehr politischen Mut. Erschöpfung nach dem Dauerstreit über die Gesundheitsreform, auch Enttäuschung über das Ergebnis dürfen kein Alibi sein für pflegepolitisches Nichtstun. Ebenso wenig der Hinweis auf fehlendes Geld. Man sollte es nicht vergessen: Große Koalition ist immer auch große Chance. Auf Umsteuern, auf Reform. Politiker sind gewählt, um zu handeln, nicht um sich durchzuwursteln.

Jeder Fünfte, so ergab kürzlich eine Umfrage, hat in seinem Umfeld einen Pflegefall. Wahltechnisch gesehen sind das 20 Prozent der Stimmen. Hinzu kommen die 80 Prozent derer, die auch einmal alt werden und möglicherweise pflegebedürftig. Selbst wenn uns das Elend der Alten jetzt noch egal ist: Wie man später mit uns umgeht, würden wir schon gerne wissen.

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