Politik : Alternative Energie: Deutschland hinkt wieder hinterher

Ulrike Fokken

Sie hat schon die Apollo-Rakete beleuchtet, treibt U-Boote der Bundesmarine an und sitzt demnächst vielleicht in Ihrer Armbanduhr. Egal ob groß oder im Miniaturformat, wird sie zuverlässig die Stoffe produzieren, ohne die die Menschheit nicht auskommt: Strom und Wasser. Im All hat die Brennstoffzelle die Astronauten mit Strom und Frischwasser versorgt, dasselbe macht sie in den Unterwasserschiffen. In der Armbanduhr genügt dem Besitzer der Strom. Auf Wasser kann er verzichten - und das ist eines der Probleme, das die Forscher rund um den Erdball noch lösen müssen. Wohin mit dem Wasser aus den Brennstoffzellen, die in Zukunft Videokameras, Mobiltelefone und tragbare CD-Spieler betreiben sollen? Wasser gehört zur Brennstoffzelle wie Abgase zu Autos und Heizkesseln. Noch. Denn auch in diesen Klimakillern soll die Brennstoffzelle in einigen Jahren den Verbrennungsmotor und das Heizaggregat ersetzen.

DaimlerChrysler steckt bis 2004 zwei Milliarden Mark in die Entwicklung eines Serienfahrzeugs der A-Klasse mit Brennstoffzelle. Der Konkurrent BMW will seine Siebener-Reihe mit einer Brennstoffzelle ausstatten. Die vier größten japanischen Autokonzerne haben 1999 eine Milliarde Mark in die Entwicklung von Brennstoffzellen investiert und wollen ein Jahr vor den Deutschen mit einem serienreifen Auto auf den Markt kommen. Aber die Euphorie über die Brennstoffzelle hat auch Mittelständler, Wissenschaftler und Tüftler erfasst.

Der Heizungsanlagenbauer Vaillant kann sich schon heute nicht vor Anfragen retten, wann denn endlich seine Brennstoffzellenheizung auf den Markt kommt. Denn so eine Anlage nutzt die eingesetzte Energie optimal: Aus dem verbrannten Erdgas wird Wärme und Strom gewonnen - nicht wie bislang üblich nur Wärme. Dadurch sinken die Kohlendioxidemissionen eines Mehrfamilienhauses um 47 Prozent bei gleichbleibendem Verbrauch von Strom und Wärme. Die Energie wird optimaler ausgenutzt, so dass 26 Prozent weniger eingesetzt werden muss als bei herkömmlicher Technik. "Das ist eine revolutionäre Technik", sagt Stefan Jakubik von Vaillant.

Mit weit reichenden Folgen. "Die Zeit der Großkraftwerke ist möglicherweise vorbei", gab Dietmar Kuhnt, Vorstandschef vom Energiekonzern RWE im Juni zu bedenken. Denn wenn die Menschen im Keller ihren eigenen Strom produzieren können, brauchen sie keine Atommeiler und Kohlekraftwerke. Denn auch ohne den gesetzlich verordneten Atom-Ausstieg gehen bis 2015 Kraftwerke vom Netz, weil sie veraltet und unrentabel sind.

Besitzer einer Brennstoffzellenheizung können zukünftig den gesamten Strommarkt durcheinanderwirbeln. Sie brauchen den Strom, der automatisch in einer Brennstoffzelle anfällt, oft nur zu bestimmten Zeiten. Nachts oder tagsüber, wenn der Heizer an seinem Arbeitsplatz ist und trotzdem sein Heim heizt, kann er den Strom ins Netz speisen. Menschen mit Photovoltaik und Windenergieanlagen machen das schon heutzutage. Für sie hat die rot-grüne Bundesregierung die Energieeinspeiseverordnung geschaffen, die ihnen einen Mindestbetrag pro Kilowatt sichert.

Die virtuellen Kraftwerksbetreiber existieren bisher für die Energie- und Umweltpolitiker in der Regierung nicht. Es gebe "keine konkreten Pläne", die Brennstoffzellenbesitzer zu fördern, sagt ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Noch ist es zu früh, schließlich sind die Apparate nicht auf dem Markt. Dabei rechnet Umweltminister Jürgen Trittin damit, dass allein in den nächsten Jahren drei Millionen alter Heizkessel ausgetauscht werden müssen. Sie verbrauchen nicht nur zu viel Energie, sondern blasen auch zu viele Abgase in die Luft. Die zerstören die Ozonschicht und tragen zum Treibhauseffekt bei. Außerdem kann die Bundesregierung so ihr gestecktes Ziel - 25 Prozent weniger Kohlendioxidemissionen bis 2005 - nicht erreichen. Die Beamten von Wirtschaftsminister Werner Müller (parteilos), Bauminister Reinhardt Klimmt (SPD) und Umweltminister Trittin (Grüne) feilen daher gerade an einer Energieeinsparverordnung für Gebäude. In dem Konvolut tragen sie die Verordnungen für Wärmeschutz und Heizungsanlagen zusammen und bringen die Paragraphen auf einen neuen Stand. Im Spätsommer soll das Kabinett, dann noch der Bundesrat zustimmen.

Trittin möchte die Hausbesitzer mit günstigen Krediten dazu bringen, ihre alte Heizung auszutauschen. Bis zu neun Milliarden Mark zinsgünstiger Kredite soll die Kreditanstalt für Wiederaufbau an 300 000 modernisierungsfreudige Heizungsbesitzer im Jahr zahlen. Doch Finanzminister Hans Eichel hat die Devise Sparen ausgegeben und so ist nicht sicher, ob das Programm anläuft. Die Revolution wird jedoch nicht staatlich finanziert. So hat das Wirtschaftsministerium die Forschung von Brennstoffzellen und Wasserstoff zwar mittlerweile mit 14 Millionen Mark in diesem Jahr gefördert und will nächstes Jahr 15 Millionen Mark dafür bereitstellen. Damit liegt Deutschland hinter den Konkurrenten Japan und USA, die schon 1996 über 170 Millionen Dollar in die Forschung steckten. "Deutschland verpennt einen Zukunftsmarkt", sagt Ulrich Schmidtchen, Vorstand des Deutschen Wasserstoff-Verbands. Weil die Technik angeblich nicht wirtschaftlich sei, wehren sich seit Jahren die Wirtschaftsminister dagegen. Schmidtchen hat unter Müllers Vorgänger eine "Anti-Wasserstofflobby" im Wirtschaftsministerium ausgemacht. "Deswegen liegt Deutschland jetzt weit hinter den USA und Japan." Und deswegen ist Siemens der einzige deutsche Hersteller von Brennstoffzellen. Allerdings nur für Kraftwerke und U-Boote.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben