Alternativer G-8-Gipfel : Konzerne in der Schusslinie

Der alternative G-8-Gipfel in Rostock ist keine Veranstaltung für Lautsprecher oder gar Randalierer. Hier treffen sich Politikinteressierte. Die Konzerne stehen dabei im Fokus der Kritik.

Olaf Jahn[ddp]
Alternativer G-8-Gipfel
Auf der Suche nach anderen Gestaltung der Welt: der Alternative G-8-GipfelFoto: AFP

RostockMarktschreierisch ist der Alternative G8-Gipfel in Rostock wahrlich nicht. An der Petri-Kirche fallen nur zwei Plakate auf. "Our world is not for sale" steht auf dem einen. Das andere hängt in einem Glaskasten und verkündet: "Der Geist Gottes ist Liebe." Balram Banskota reicht das. Wer Interesse an Politik habe, werde ohnehin kommen, meint der Abgesandte der nepalischen Bauerngewerkschaft.

Er hat nur einen Wunsch: "Es sollen möglichst viele Menschen von unseren Problemen erfahren." Banskota wird später auf dem Podium sitzen und sagen: "Die großen Konzerne kaufen das Land auf und verdrängen die kleinen Bauern. Die verarmen dadurch und verlieren ihre Fähigkeit, sich durch Arbeit zu ernähren." Der Zugang zu Land gehöre nicht verkauft, Wasser nicht privatisiert. Banskota fordert: "Den Konzernen muss Einhalt geboten werden."

Damit formuliert er eine Forderung, die auf dem Alternativgipfel immer wieder auftaucht: Das Handelssystem dürfe nicht länger hauptsächlich an den Interessen von Konzernen ausgerichtet werden. Während die Staatschefs vor allem Veränderungen der bestehenden Wirtschaftsstrukturen diskutieren, fordern viele G8-Kritiker bei den Workshops radikalere Umbrüche.

Form der Tyrannei

In der Petrikirche diskutiert etwa die "Bundeskoordination Internationalismus" die Frage, ob man von der G8-Runde etwas fordern oder ihr besser gleich jegliche Legitimation absprechen solle. Uli, ein fülliger Herr in blauem Hemd, ist überzeugt: "Lobbying bringt nichts." Egal was in den G8-Dokumenten stehe, verbindlich sei es sowieso nicht. Michael von der Rosa-Luxemburg-Stiftung findet, zunächst müsse die Frage geklärt werden: "In welcher Welt leben wir eigentlich?" Die G8-Runde sei eine Form von Tyrannei, eine Oligarchie. Sie müsse mit der Hauptwaffe "Öffentlichkeit" bekämpft werden. Eine Teilnehmerin aus Südamerika schlägt vor, man solle die G8 nicht legitimieren, indem man mit ihr diskutiere.

Einige hundert Meter weiter heißt es im Modellraum des Rathauses: "Frauen greifen die Handelspolitik- und Initiativen der EU an." Elf Frauen sitzen da im Kreis, eine Kenianerin erklärt, warum die von der Europäischen Union forcierte Öffnung der Märkte für viele Einheimische tödliche Folgen habe. Wasser werde in Kenia privatisiert. Was früher eine allen zugängliche Ressource war, müsse nun bezahlt werden. Vielen Bauern fehle dafür das Geld: "Je mehr wir die Märkte Afrikas öffnen, umso mehr Menschen werden sterben", sagt sie. Gewinn bringe dies nur den Konzernen.

Veränderungen organisieren

Kaum fünf Minuten zu Fuß entfernt liegen junge Menschen im Gras und erholen sich in der Sonne. Jeffrey Prescott ist Amerikaner und verbringt einen Teil seines Urlaubs beim Alternativgipfel. Weil er Protest zeigen will, "aber auch, weil ich mir Orientierung erhoffe. Wie genau wir Veränderungen organisieren können und welche." Ein Stück weiter lädt ein Plakat zum "Planspiel Kakaohandel ein. Die Veranstaltung ist Teil eines gewaltigen Gipfelangebots, bei dem "Zinsfreies Banking für alle", "Freie Bildung für freie Menschen" oder "Das Fischereiabkommen der EU mit Afrika als Fluchtursache" ebenso Themen sind wie die Frage "Was ist Trotzkismus?"

In der Nikolaikirche erklären Christen, wie die Kirche als Global Player für eine andere Globalisierung eintritt. "Eigentum ist Illusion, da alles ohnehin Gott gehört", bemerkt ein Teilnehmer. Der Moderator beruhigt: "Die Kirche ist für den Schutz von Eigentum. Aber wenn Menschen sich nicht mehr ernähren können, ist deren Recht auf Land gewichtiger als Eigentumsschutz."

Klimawandel als Beleg für versagende Märkte

Wenig später beginnt hier einer der Höhepunkte des Gipfels. Beim Forum "Klimagerechtigkeit - aber wie" sind die indische Umweltschützerin Sunita Narain und der emeritierte Politologe Elmar Altvater vertreten. Narain liest den Industrieländern die Leviten: Der Klimawandel sei Beleg dafür, dass die Märkte versagt hätten. Die reichen Länder hätten viel mehr Ressourcen verbraucht, als ihnen zustünden. Sie hätten quasi Schulden, die sie begleichen müssten - unter anderem mit Einschränkungen beim CO2-Verbrauch. Narain erhält tosenden Beifall. Gleich darauf stellt Altvater die Frage: "Ist Wachstum in Zukunft überhaupt noch tragfähig?" Auch dabei braust Beifall auf. Es wird leidenschaftlich diskutiert.

Vor der Kirche ist der Organisator des Alternativgipfels, Florian Butollo, schlichtweg begeistert: "Die Atmosphäre ist phantastisch, die meisten Veranstaltungen sind sehr gut besucht. Besser könnte es kaum laufen."

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