Altersarmut : „Unsere Bedenken sind zu groß“

Angstforscher Borwin Bandelow spricht mit dem Tagesspiegel über die Sorgen vor Armut im Alter, Einsamkeit und die übertriebene Sparsamkeit der Deutschen.

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Viele Sorgen älterer Menschen sind nicht begründet.
Viele Sorgen älterer Menschen sind nicht begründet.Foto: dpa

Herr Bandelow, fast zwei Drittel aller Deutschen haben Umfragen zufolge Angst, im Alter mittellos zu werden. Wie erklären Sie sich das?

Menschen haben grundsätzlich eine Urangst vor dem Verhungern. Sie denken, dass das Geld im Alter nicht reichen könnte und dass dies letztlich sogar zum Verhungern führen könnte.

Verhungern in Deutschland?
Je nördlicher jemand wohnt, desto ausgeprägter ist die Angst, unversorgt zu bleiben. Es gibt ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Das hat mit der Entwicklungsgeschichte des Menschen zu tun. In unseren Breiten, wo sechs Monate lang nichts wächst, konnte es früher problematisch werden. Wer da nicht vorausschauend dachte, hatte nicht genügend Essen und Brennmaterial für den Winter. Das heißt, die ängstlichen Leute haben ausreichend Vorräte angelegt, während die fröhlichen, unbekümmerten Menschen das nicht gemacht haben und dann erfroren oder verhungert sind. Ein großer Bedenkenträger zu sein, war ein Überlebensvorteil.

Und dieses Verhalten hat sich tatsächlich bis heute nicht verändert?

Das ist wie mit der Spinnenangst, die sich über Jahrtausende hinübergerettet hat. In Deutschland gibt es heute keine gefährlichen Spinnen mehr, und trotzdem haben mehr als die Hälfte der Deutschen Angst vor Spinnen. Genauso machen wir uns sehr viele Gedanken über Renten und die Versorgung im Alter. Und das, obwohl Statistiken zeigen, dass das Gros der deutschen Senioren hier gut lebt , besser als in vielen anderen Ländern.

Borwin Bandelow (63) ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Er leitet die Angstambulanz an der Universität Göttingen und ist ein international anerkannter Experte für Angsterkrankungen.
Borwin Bandelow (63) ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Er leitet die Angstambulanz an der Universität Göttingen und ist...Foto: dpa

Also ist die Angst vor Altersarmut unbegründet?

Sie ist nicht völlig unbegründet, aber übertrieben und unrealistisch. Natürlich ist es so, dass sich die Alterspyramide immer weiter verschiebt, und natürlich gibt es auch Rentner, die am Existenzminimum leben. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir hierzulande an einem Punkt angelangt sind, an dem es Versorgungslücken im Alter gibt

Kann es nicht auch nützlich sein, sich zu fürchten? Nach dem Motto: Wer sich sorgt, schützt sich davor, unvernünftig zu werden und kümmert sich rechtzeitig um eine ausreichende Vorsorge.

Um zu überleben, hat sich die Angst in unseren Breitengraden als zweckmäßig erwiesen. Aber sie hat auch einen gravierenden Nachteil: Die Menschen neigen mehr zu Depressionen. Dort, wo die Leute extrem viel nachdenken und sich sorgen, gibt es höhere Suizidraten. In Grönland zum Beispiel 1000 Mal mehr als am Äquator.

Sie leiten die Angstambulanz an der Uniklinik Göttingen. Können Sie aus Ihrem Praxisalltag schildern, wie schwerwiegend die Bedenken wirklich sind?

Ich unterteile gerne zwischen Sorgen und Ängsten. Wenn Sie richtige Angst haben und zum Beispiel eine Panikattacke bekommen, zerreißt es Ihnen das Herz, und Sie denken, dass Sie wirklich sterben. Das ist viel schlimmer, als wenn sie morgens in der Zeitung lesen, dass die Renten unsicher sind. Da hat man dann ein leichtes Grummeln im Magen, trinkt seinen Kaffee und geht zum Tagwerk über. Aber keiner würde deswegen eine Panikattacke schieben. Andere Ängste vor dem Alter haben mehr Berechtigung.

Welche denn?

Die Angst vor Einsamkeit ist realistisch. Die ist definitiv da und führt auch zu Problemen. Das erlebe ich im Klinikalltag. Praktisch nie meldet sich jemand hier und will sich behandeln lassen, weil er Angst vor materieller Unversorgtheit im Alter hat. Das habe ich in den vergangenen Jahren nicht erlebt. Aber viele kommen, weil sie einsam sind. Weil sie mit 80 Jahren alleine in einem großen Haus hocken und depressiv werden.

Es gibt heutzutage viele Möglichkeiten für Senioren. Warum fühlen sie sich trotzdem alleingelassen?

Das Zusammenleben hat sich über die Jahre verändert. Man ist davon abgekommen, dass alle vom Urenkel bis zur Großmutter in einem Haus wohnen. Gerade weil viel Geld da ist, lebt heute jeder in einem eigenen Haus. Diese räumliche Trennung hat auch einen gewissen Nachteil. Außerdem hoffen alte Leute häufig, dass sie von ihren Kindern Besuch kriegen. Aber auf die Idee, sich Gleichgesinnte in ihrem Alter zu suchen und mit denen etwas zu unternehmen, wie eine Rentnerband zu gründen oder gemeinsam Kaffee zu trinken, kommen viele ältere Menschen nicht.

Was ist mit der ebenfalls weit verbreiteten Angst, ein Pflegefall zu werden?

Davor haben vor allem Jüngere Angst, die noch nicht viele Krankheiten hatten. Wer etwas älter ist, der weiß, dass die Ärzte doch immer irgendwie noch eine Lösung haben. Leute, die beispielsweise Krebs haben, werden dadurch erstaunlicherweise nicht immer in eine Depression gestürzt. Ganz im Gegenteil: Neulich hatte ich einen Patienten, der schwer depressiv war und dann noch eine Krebsdiagnose dazubekommen hat. Plötzlich war die Depression weg, seither ist er gut gelaunt und hat den Kampf gegen den Krebs aufgenommen.

Nehmen die Sorgen generell eher zu, je näher die Menschen dem Rentenalter kommen?

Es gibt zwei unterschiedliche Entwicklungen. Die Angsterkrankungen wie zum Beispiel die Panikattacken werden im Alter weniger. Diese Störungen treten am häufigsten bei Menschen im Alter zwischen 30 und 40 auf. Die anderen, die begründeten Sorgen hingegen, werden im Alter mehr, wie die Angst, krank zu werden oder den Partner zu verlieren.

Gibt es Möglichkeiten, dagegen anzugehen?

Unser Angstsystem im Gehirn neigt dazu, uns unrealistische Ängste einzureden. Man sollte deshalb versuchen, sich vernünftig zu überlegen, wie realistisch es ist, dass man tatsächlich unglücklich im Alter wird. Man sollte versuchen, mit rationalen Argumenten gegen das aus den Fugen geratene Angstsystem anzugehen. Außerdem hilft die Vorstellung, dass man selbst mit einer niedrigen Rente absolut nicht unglücklich leben wird.

Wie können Sie da so sicher sein?

Viele alte Leute leben sehr spartanisch. Sie haben schon vieles erlebt, müssen nicht ständig in tolle Restaurants gehen und Fernreisen machen. Die kommen viel besser klar als junge Leute, weil sie sich nicht ständig überlegen, was sie alles noch kaufen müssen. Das angebliche Glück des Reichtums kann sie nicht mehr locken. Man weiß zum Beispiel auch von Leuten, die in sehr armen Ländern wie Indonesien leben, dass sie sehr viel glücklicher sind als die reicheren Deutschen.

Sie meinen, dass zu viel Geld uns am Glücklichsein hindert?

Es gibt sicher auch glückliche reiche Leute. Glück wird aber nicht in Euro gemessen. Generell denken die Deutschen sehr vorausschauend. Sie sind sehr darauf bedacht, sich gegen Probleme des Alltags abzusichern. Sie sparen und versichern sich zum Beispiel viel mehr als die Amerikaner, obwohl auch die nicht wirklich arm sind. Aber die geben das Geld gerne in vollen Zügen aus.

Ein Plädoyer für mehr Prasserei?

Man sollte sich überlegen, ob Sparsamkeit wirklich angemessen ist. Gerade in Deutschland wird extrem viel vererbt. Das zeigt, dass manche Menschen bis kurz vor Ende ihres Lebens Reichtümer angehäuft haben, die sie nicht mehr brauchten. Diese Leute hätten sich das Leben besser gestalten können, wenn sie nicht so große Bedenkenträger gewesen wären. Die unrealistische Angst vor Armut hat sie reich sterben lassen.

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