Altersarmut : Wem die Rente nicht reicht

Immer mehr Senioren gehen arbeiten, manche als Minijobber, andere sogar in Vollzeit. Ob sie dies freiwillig oder aus der Not heraus tun, darüber sind sich Fachleute uneinig. Sozialverbände halten den Trend für alarmierend.

von
Im Unruhestand. Mitten in der Debatte über die umstrittene Zuschussrente liefert das Sozialministerium neue Zahlen über berufstätige Alte.
Im Unruhestand. Mitten in der Debatte über die umstrittene Zuschussrente liefert das Sozialministerium neue Zahlen über...Foto: picture alliance / dpa

Die Zahlen lesen sich wie eine Bestätigung für die Sozialministerin. Seit Monaten kämpft Ursula von der Leyen (CDU) für ihr Zuschussrenten-Konzept, mit dem sie drohender Altersarmut begegnen möchte – und muss sich des Widerstands einer ungewöhnlich großen Koalition aus FDP-Abgeordneten, Jung- und Wirtschaftspolitikern der CDU, Frauen- Union, Opposition, DGB und Rentenversicherern erwehren. Von der Tagesordnung der Kabinettssitzung am Mittwoch wurden die Pläne daher gestrichen, die Runde will nur die Senkung der Rentenbeiträge beschließen.

Passend zu dieser Debatte lieferte das Sozialministerium der Linksfraktion auf deren Anfrage hin nun einen weiteren möglichen Indikator für steigende Altersarmut. Die Zahl der  Rentner, die sich ihre Bezüge per Minijob aufbessern, ist demzufolge rapide gestiegen. 762 000 Menschen über 65 waren 2011 geringfügig beschäftigt – das sind 58,6 Prozent mehr als noch 2000. 120 000 Minijobber sind sogar 75 Jahre und älter. Die Steigerung in dieser Altersgruppe beträgt stolze 85,7 Prozent. Auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten jenseits der 65 hat sich nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit seit Ende 1999 fast verdoppelt – auf 154 000. Und mehr als die Hälfte dieser Senioren arbeitet in Vollzeit.

Wollen sie oder müssen sie? An dieser Frage scheiden sich die Geister je nach politischer Couleur. Für den Sozialverband VdK ist die Sache klar. Die Zahlen seien „alarmierend“ und ein Beleg dafür, „dass immer mehr Menschen Probleme haben, mit ihrem Alterseinkommen auszukommen und mithilfe von Minijobs versuchen, sich finanziell über Wasser zu halten“ , sagt Präsidentin Ulrike Mascher. Man erkenne daran, „dass das Absenken des Rentenniveaus nicht spurlos an der Lebenswirklichkeit der Rentner vorbeigeht“. Und der rentenpolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Matthias Birkwald, bringt den Anstieg gleich auf die Formel „Malochen bis zum Tode“. Es handle sich, so sagt er, um „die deutlichen Vorboten der heranrauschenden Welle neuer Altersarmut“. Auch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles wertete die Zahlen als Beleg dafür, dass immer mehr Menschen „mit der Rente nicht mehr auskommen“.

Arbeitsmarktexperten dagegen warnen vor derart einseitiger Deutung der Zahlen. „Es mag Leute geben, die aus purer Not heraus bis ins hohe Alter berufstätig bleiben“, sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) dem Tagesspiegel. Man wisse allerdings auch von vielen, „die einfach länger arbeiten wollen“. Die gestiegene Zahl berufstätiger Senioren hänge mit Sicherheit damit zusammen, dass körperliche Arbeit seltener geworden sei. Und inzwischen erreichten auch die sogenannten „Bildungsboomer“ das Rentenalter. Besser Qualifizierte blieben seit jeher länger im Erwerbsleben. Wenn ihre Zahl steige, steige auch die der berufstätigen Senioren.

22 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben