Politik : Altes Europa

Von Malte Lehming

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Ein Mensch wird geboren. Das ist, von Weihnachten abgesehen, keine rechte Nachricht. Und keine Sensation. Doch gestern war das ein bisschen anders. In den USA kam der 300-millionste Bürger auf die Welt. Das Ereignis ist bedeutsam, weil es einen Trend markiert. Noch vor einem halben Jahrhundert gab es doppelt so viele Westeuropäer (304 Millionen) wie US-Amerikaner (152 Millionen). In weiteren fünfzig Jahren könnte das Verhältnis umgekehrt sein. Die Folgen dieser Entwicklung sind gravierend – und für das transatlantische Verhältnis entscheidender als all die Diskrepanzen über Irakkrieg, Todesstrafe, Umweltschutz und internationale Verträge. Die Gesellschaften driften in ihrer Struktur auseinander. Bald stehen sie auf komplett unterschiedlichen Fundamenten. Diese Fundamente aber definieren die politische Agenda.

Seit einiger Zeit liegen die Vereinigten Staaten, nach China und Indien, auf dem dritten Rang der bevölkerungsreichsten Länder der Welt. Das resultiert sowohl aus einer hohen Einwanderungs- als auch einer hohen Geburtenrate. Alle elf Sekunden gibt es einen Amerikaner mehr. In Europa, wie in fast allen anderen Industriestaaten, geht der Trend in die entgegengesetzte Richtung. Denn normalerweise nimmt mit dem Wohlstand die Zahl des Nachwuchses ab. Die Bundesrepublik zum Beispiel liegt mit ihrer Geburtenrate unter 190 Staaten auf Platz 185.

In den USA indes geschah vor rund zwanzig Jahren ein demografisches Wunder. Die Geburtenrate stieg plötzlich wieder an. Warum, weiß keiner genau. In den USA ein Kind aufzuziehen, ist vergleichsweise teuer und mühsam. Eine Arbeitsplatzgarantie gibt es ebenso wenig wie etwa ein üppiges Elterngeld. Die Ausbildung kann Unsummen verschlingen. Und dennoch: Quer durch alle gesellschaftlichen Schichten breitete sich der Wille zum Nachwuchs aus. Vielleicht spielte Gottvertrauen eine Rolle, Zuversicht – oder einfach das antihedonistische Gefühl, Kinderreichtum sei eben das: ein Reichtum.

Nun ist eine große Bevölkerungszahl an sich noch kein Segen, siehe China und Indien. Ein zu schnelles Wachstum kann sogar gefährlich sein, soziale Spannungen verschärfen, die Verslumung der Großstädte befördern, siehe viele arabische Länder. Doch derartige Risiken sind in den USA minimal. Dort wächst die Wirtschaft konstant mit. Die Arbeitslosigkeit bleibt niedrig. Die Zahl der Bewohner nimmt gewissermaßen organisch zu. Auch das schafft freilich Probleme. Die Bildungskosten etwa steigen rasant an.

Aber die Vorteile der Entwicklung wiegen ihre Nachteile mehr als auf. Stetig wächst und verjüngt sich die amerikanische Gesellschaft, während die europäische schrumpft und veraltet. Den höheren Bildungskosten in den USA stehen bald gewaltige Gesundheits- und Rentenkosten in Europa gegenüber. In einigen Jahrzehnten, prophezeit der britische „Economist“, liegt das Durchschnittsalter der Amerikaner bei 36 Jahren, das der Europäer bei 52 Jahren. Jung, dynamisch und ethnisch sehr gemischt, was in einer globalisierten Welt ein zusätzlicher Bonus ist: So wappnen sich die Vereinigten Staaten für die künftigen Herausforderungen. Allen Imperiumsuntergangsfantasien sollte daher äußerst skeptisch gelauscht werden. Gut möglich, dass der wirtschaftliche und militärische Abstand zwischen Amerika und dem Rest der Welt eher noch größer wird.

Wie groß er wird, hängt auch von Europa ab. In erster Linie auf Familienpolitik zu setzen, wäre falsch. Geld allein produziert keinen Nachwuchs. Deutschland etwa rangiert jetzt bereits mit seinen Ausgaben für Familien an der Spitze der Industrienationen, mit eher bescheidenem Ergebnis. Nein, hinzukommen muss die gezielte Förderung von Einwanderung plus einer beschleunigten Erweiterung der Europäischen Union. In Osteuropa und der Türkei ist der Kinderwunsch noch relativ vital. Dieses Potenzial gilt es zu nutzen. Stattdessen wird es kleingeredet durch eine angeblich identitätstiftende und wohlstandsichernde Abschottung gegen diese Länder. Das dürfte sich rächen: Was heute überzeugend klingen mag, verschärft mittelfristig die Malaise und führt langfristig ins Elend.

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