Politik : Altes Spiel am neuen Ort

Thomas Kröter

Blau ist die Wand. Tief blau. Gerahmt von hellem Holz. Knapp unter der geometrischen Mitte, ein wenig nach rechts versetzt, prangt darauf ebenfalls hellhölzern der Schriftzug "Bundespressekonferenz". Die Fernsehleute hatten sich das schon seit langem gewünscht. Vergeblich. Damals, in jenen fernen Bonner Zeiten, blieb ihr Begehr stets unerhört. Da war die ganze Wand aus Holz. Fünfzig Quadrate braunen Rio-Palisanders. Das war einmal modern in der Nachkriegszeit. So wie heute das Blau modern ist, das nicht ganz so leuchtet wie die Bezüge, auf denen die Herren und Damen Abgeordneten Platz zu nehmen pflegen. Drüben im Reichstag.

Wie am Rhein ist auch an der Spree das Parlament nur den sprichwörtlichen Steinwurf entfernt. Nur ein paar hundert Meter sind es zu dem Ort, dessen Herren und Damen zwar nicht gewählt sind, sich aber gleichwohl als Pendant zu den Parlamentariern verstehen - zur Bundespressekonferenz. 850 Journalisten von Funk, Fernsehen, Zeitungen, Nachrichtenagenturen, Pressediensten vereint sie. Die meisten von ihnen sind erst mit der Regierung und dem Parlament nach Berlin gekommen. 250 ihrer Mitglieder arbeiten noch in Bonn. Dort geht es so lebhaft zu wie auf dem Zentralfriedhof von Chicago, wie eine Dagebliebene neulich wehmütig formulierte. Die Musik spielt jetzt hier vor der neuen, fernsehgerechten blauen Wand - im neuen Saal der Bundespressekonferenz im neuen Pressehaus zwischen Spreebogen und S-Bahn, zwischen Reinhardtstraße und Schiffbauerdamm.

Mitten durch den Atriumsinnenhof ist eine weiße Linie gezogen. Sie erinnert daran, dass hier einmal die Mauer stand, die Berlin, die Deutschland teilte. Tissy Bruns, Tagesspiegel-Korrespondentin und Vorsitzende der Bundespressekonferenz, führt Uwe-Carsten Heye, den Regierungssprecher, zur Eröffnung auf diesen historischen Ort. Der hat, wie es einem alten Brauch entspricht, Brot und Salz und Weizenähren mitgebracht, "damit alles weiter sprießt". Er überreicht sie zur ersten Pressekonferenz am neuen Ort an Thomas Wittke, der das historische Ereignis zu leiten hat. Ausgerechnet der Korrespondent des Bonner Generalanzeigers war für den Umzug der Journalistenschar aus seiner Heimat ins ferne Preußen zuständig.

In den Büros rundum wird noch kräftig gehämmert, werden Strippen gezogen und Möbel verrückt. Während Wittke das alte Spiel in neuer Umgebung eröffnet. Für die Kollegen vom Hörfunk noch ein Hinweis, dass sie ihre digitalen Geräte nicht am "Line Out", sondern an der Mikrofonbuchse andocken sollen. Und überhaupt der Hinweis, Mikrofone zu benutzen. Der Vorsitzende vorn schaltet die Frager auf einer Instrumententafel zu, und prompt verfehlt er den rechten Knopf bei der ersten Frage.

Und so läuft das Ritual, dreimal die Woche, montags, mittwochs und freitags. Vorn die Sprecher des Kanzlers und der Ministerien, im Saal die Journalisten. Freitags, wenn sich die Bonner wie die Berliner Woche der Politik zu Ende neigt, ist es schon vorgekommen, dass nach der Begrüßung die Frage "Gibt es Mitteilungen?" mit "Nein" beantwortet wurde. Und ebenso die Frage "Gibt es Fragen?" Dann ging es nach Hause.

Aber heute ist Mittwoch, und die historische Stunde dauert dreißig Minuten. Bericht aus dem Kabinett. Ein paar Fragen werden gestellt. Und dann gibt es sogar eine interessante Neuigkeit in der Routine: Das Außenministerium weiß mal wieder nicht, ob es von einem wichtigen Vorgang rechtzeitig gewusst hat. Betroffenheit vorn, Hähme im Saal. Und auch der Kollege von einer Nachrichtenagentur, der dafür berühmt ist, stets wissen zu wollen, was wann wo mit wem stattfindet (die berühmten W-Fragen), schlägt mehrfach zu. Zum Schluss macht er den Regierungssprecher, wenn nicht sprach-, so doch antwortlos: Nein, wann der Herr Bundeskanzler in den Oster-Urlaub geht, vermag der Regierungssprecher nicht mitzuteilen. Aber er wird nachfragen.

Im Hintergrund, in einer der letzten Stuhlreihen, sitzt ein grauhaariger Herr und schmunzelt. Wäre die Bundestagswahl im Herbst 1998 anders ausgegangen, säße Ludger Reuber jetzt noch da vorn, müsste Antworten geben, Ausreden finden. Nun ist der ehemalige Sprecher von Arbeitsminister Norbert Blüm als Tourist in Berlin und stellt fest: Die Wand ist neu, die Sitze sind neu, manches Gesicht kennt er nicht mehr - aber das Spiel ist ihm immer noch wohl vertraut. An der Spree wie am Rhein.

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