Politik : Altlast mit Mitte 20

Wie ich den Westen erlebte / Von Kerstin Decker

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Foto: Privat

Dies ist eine Ermutigung für alle, denen Gleiches widerfahren ist. Bekennen wir es offen: Ja, wir haben es verschlafen!

Und das in diesem überwachen Herbst. Wir waren damals der Meinung, Fernsehen ist etwas für Leute, die das Leben schon hinter sich haben. Und nun schrieb das Fernsehen Weltgeschichte – es war der wahre Maueröffner! –, und wir merkten nichts. Zeitgenössische Intelligenzen glauben, ein Mensch kommt mit seinem Handy zur Welt, man muss eine gewisse steinzeitliche Unerreichbarkeit heute wohl erklären.

Unsere Haustür war mit einem altertümlichen Durchgehschloss gegen die allabendliche Totenstille auf der Warschauer Straße so gut gesichert, dass wohl nicht einmal die Staatssicherheit auf unseren Hinterhof hätte vordringen können. Anrufen konnte niemand. Wer besaß schon ein Telefon in der DDR? Eine Klingel gab es nicht. Man kann nicht sagen, dass das Land gerade dabei war, die Herausforderungen des Informationszeitalters anzunehmen. Die alten Frauen ringsum waren gewiss schon vor ihren Fernsehern eingeschlafen. Auch das Kind schlief. Aufgeweckt hätte es wohl gefragt: Wohin wollen wir, in den Westen? Aber doch nicht mitten in der Nacht!

Es wäre Realismus gewesen. Wenn die Welt plötzlich sperrangelweit offen stand, würde sie es morgen auch noch tun. Auch waren wir, Studenten der Humboldt-Universität, gerade sehr beansprucht von einer allerseltsamsten Freiheit, der geistigen. Uns ging das Weltwissen der Jahrhunderte auf. Denn bemerkenswerterweise hatte es die DDR nicht versäumt, sehr gegen ihren Willen Professoren älteren bürgerlichen Typs hervorzubringen, Weltweise gewissermaßen. Die wahre Freiheit ist innen. Auch hatten wir uns längst so sehr mit unserer großen Sehnsucht nach dem unerreichbaren Außen befreundet, dass wir wie alle Romantiker beinahe Angst hatten vor deren Erfüllung.

Doch merkwürdig ist das schon. Mein Mann und ich wissen beide nicht mehr, wie, wann und wo diese doch weltumstürzlerische Nachricht uns traf, uns, die schon hinter der Mauer Geborenen. Nie verblassen dagegen die Szenen vom Alexanderplatz fünf Novembertage zuvor. Ich weiß auch noch, wie ich irgendwann Anfang der 90er in das Schaufenster eines Porzellanladens auf dem Rostocker Markt schaute, als der Gedanke in mir aufstieg: Habe ich wirklich in dem Land gelebt, von dem die Zeitungen landauf, landab jetzt reden? Und ich sehe mich vor unserem Küchenradio stehen, als ich zum ersten Mal hörte, dass für manche der Weltenaufgang des Mauerfalls ein Weltuntergang war. Ich hatte nie an eine solche Möglichkeit gedacht.

Natürlich würden wir weiter die neuen Herbst-Wege gehen, dritte Wege also, wir hatten doch gerade damit begonnen, aber warum nicht zwischendurch mal kurz in den Westen?

Das Ende unserer Straße war das Ende unserer Welt. Es war schon am Abend des 10. November, als wir es selber sehen wollten: dass sie dahinter weiterging. Und wie schön war die Oberbaumbrücke. Die Grenzsoldaten standen mit Blumen da, und wir dachten wie so oft in diesen Tagen: Das Volk ist schön! Das Volk ist weise! Das Volk ist klug!

1989. Die Französische Revolution war soeben 200 Jahre alt geworden. Wer nur ein wenig Revolutionsgeschichte kennt, weiß: Es gibt nichts Übleres als das freigelassene Volk, seine Instinkte bilden Pogromhaufen. Aber dieses Wartevolk an der Brücke schob nur ein bisschen von hinten. Die Spätschicht des Glühlampenwerks Narva machte einen Feierabendausflug in den Westen. Ob einer von ihnen in diesem Moment geahnt hat, dass ihre Tage im Werk gezählt waren? Dass es nie wieder Arbeiter, Arbeiterinnen mit diesem Selbstbewusstsein geben wird wie es die alten Frauen besaßen, die oft Jahrzehnte an den Bändern der Fabrik gestanden hatten und über uns Studenten im Arbeitseinsatz lächelten, die schon nach einer halben Stunde Kopfschmerzen bekamen?

Wir fuhren mit der U1 bis zum Ku’damm. Wir sagten uns, dass wir uns das alles jetzt ein Leben lang anschauen können, also müssen wir nicht gleich damit anfangen. Und bloß keine Läden, einkaufen macht nervös. Wie viele Dinge sehe ich, die ich nicht brauche!, hatte Sokrates gesagt angesichts des Markts von Athen. Also begannen wir, uns langsam in den West-Berliner Abend einzutrinken. Zuerst in der „Eierschale“ an der Gedächtniskirche. Rias-2-Hörer wussten, wohin sie gehen müssen. Jemand beschloss, dass wir den billigsten Wein nehmen sollten, der unter „Schorle“ in der Karte stand. Fünf Apollinaris bitte! Der Ratgeber wurde für den Rest des Abends entmündigt. Die Nacht wurde lang und verlustreich. Dem Apollinaris-Mann fehlten am Ende Lederjacke und Brieftasche. Wahrscheinlich in zwei verschiedenen Kneipen liegenlassen. Bloß wie sollte er die nun wiederfinden in dieser – nun ja – doch sehr fremden Stadt?

Dritte Wege wollten wir gehen, und fanden schon den einen kaum. Hätten wir unser Begrüßungsgeld besser nicht vertrinken sollen? Mit ein wenig Nüchternheit hätten wir uns sagen müssen, dass nun vieles zu Ende war, vor allem der noch kaum beschrittene eigene Weg. Vielleicht waren wir nicht mehr sehr schön anzusehen, als wir zurückkamen, das übrige Ostnovembervolk aber bald auch nicht mehr. Erst wurde es zum Wühltisch-Volk. Und dann machte es sich selbst zum Sonderangebot, wollte nichts mehr von sich wissen und nichts von sich behalten. Und schließlich wurde es zu dem Volk, das schon die Griechen kannten. Sie nannten es „die viel zu vielen“.

Das waren nun wir, jeder einer zu viel. Die neuen Professoren und ihre Getreuen waren sehr freundlich, und doch stand in ihren Augen, was wir für sie waren: Übriggebliebene. Falsch Beschriftete. Wir waren eine Altlast, aber wer versteht das, wenn er Mitte 20 ist?

Also begannen wir, eine neue Mauer zu bauen, diesmal um uns selbst. Wer schreibt, macht das so. Sitzenbleiben und arbeiten! Dies ist eine Leistungsgesellschaft. Draußen ist das Leben, aber was geht dich das an?

Dem Berliner Senat fielen die Promotionsstipendiaten Ost auch bald unangenehm auf, nämlich als Kostenfaktor. Sie „evaluierten“ uns, neun von zehn flogen raus, von heute auf morgen, ohne Begründung. Manche arbeiteten schon zwei Jahre lang an ihren Dissertationen, hatten Familie. Ich durfte bleiben. Es war nicht mein Verdienst. Andere fegten nun die Parks und schrieben hinterher weiter, bis sich das Sozialamt über seine Doktoranden beschwerte. Wer Sozialhilfe empfange, von dem müsse man wohl verlangen dürfen, dass er sich auch wie ein Sozialhilfeempfänger benehme.

Aber sollten wir wirklich ausgerechnet jetzt aufhören, das Eigene zu tun, das Eigene zu denken? War das der Preis der Freiheit? – Du musst immer schon eine Chance, immer schon eine Arbeit gehabt haben, um eine zu bekommen! Wir Ausflügler des 10. November 1989 stießen an die unsichtbaren Mauern der neuen Gesellschaft, jeder ein wenig anders. Es waren Schallmauern meist.

Und wo war die Lücke?

Es ist nicht wahr, dass mit der Mauer alle Mauern gefallen sind. In manchem Leben scheinen sie in unüberwindbare Höhen gewachsen. Eingemauert ist, wer ganz zurückgeworfen ist auf sich selbst. Aber der Vorteil der Nach-89er-Mauern ist: Sie haben Lücken. Irgendwo kannst du durchgehen.

Wo also war die Lücke?

Es fand sich lange keine. Und dann sagte Reinhart Bünger aus der Medienredaktion des Tagesspiegels im Frühjahr 1993: Sie wollen eine Fernsehkritik für uns schreiben? Ja, dann versuchen Sie das doch mal!

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