Politik : Am 11. Februar 1990 brach am Kap eine neue Zeitrechnung an

Wolfgang Drechsler

Bemühen um Aussöhnung mit dem früheren Erzfeind und das unverbrüchliche Festhalten an einer Verhandlungslösung gelten als die größten Verdienste Nelson MandelasWolfgang Drechsler

Der 11. Februar 1990 war ein drückend heißer Sonntag. In dem verträumten Winzerdorf Paarl bei Kapstadt hatte sich die Weltpresse versammelt. Tausende von Menschen säumten die Hauptstraße, am Himmel kreisten Hubschrauber ausländischer TV-Crews.

Nach einer längeren Zeit des Wartens war es dann soweit: Nelson Mandela, der Mann, den der Apartheidstaat wegen seiner politischen Anschauungen fast 28 Jahre lang eingesperrt hatte, schritt Hand in Hand mit seiner damaligen Frau Winnie durch das Tor des Victor-Verster-Gefängnisses in eine für ihn fremde Welt. Am Kap brach eine neue Zeitrechnung an.

Der Rest ist heute bereits Geschichte: Der einst prominenteste politische Häftling der Welt führte seinen Afrikanischen Nationalkongress (ANC) in den ersten freien Wahlen im April 1994 zu einem überwältigenden Sieg und wurde erster schwarzer Präsident des früheren Rassenstaates. Wie Präsident Kennedy schlugen ihm überall Bewunderung und Zuneigung entgegen. Vor allem sein stetes Bemühen um Aussöhnung mit dem früheren Erzfeind und das unverbrüchliche Festhalten an einer Verhandlungslösung gelten heute als die größten Verdienste des einstigen Freiheitskämpfers.

Gleichwohl wurde Mandela rasch mit der Realität Südafrikas und mit den Grenzen seiner Möglichkeiten konfrontiert. Obwohl in Südafrika laut Verfassung heute die Rassengleichheit herrscht, blieben die alten Vorurteile noch in vielen Köpfen. Anders als in den Sonntagsreden haben sich die Rassen nicht verbrüdert. Politisch schlägt sich das im Abstimmungsverhalten nieder. Bei den Wahlen im vorigen Juni gewann der ANC mit mehr als 66 Prozent aller Stimmen, die liberale Demokratische Partei erreichte knapp zehn Prozent. Das Ergebnis glich einem ethnischen Zensus: Der ANC wurde fast ausschließlich von Schwarzen, die Demokraten von Weißen gewählt.

Zehn Jahre nach der Freilassung Mandelas lautet die Klage der Schwarzen: Der Wandel gehe zu langsam voran. Viele wünschen sich außerdem eine größere rassische Harmonie. Bei den Weißen stößt dieser Wunsch aber auf Vorbehalte. Noch immer hat die Mehrheit von ihnen keinen Fuß in ein schwarzes Township gesetzt. Stattdessen wird die zunehmende "Afrikanisierung" beklagt. Was der Wandel und das damit verbundene Teilen der Lebenschancen in seinen Einzelheiten bedeutet, wird den meisten erst jetzt langsam klar. Vor allem die berufliche Förderung Nicht-Weißer - im Soziologenslang: "affirmative action" - hat viele Weiße desillusioniert. "Meine Kinder haben hier keine Zukunft, wir wandern aus", sagt ein Computertechniker. Zudem sind Schwarz und Weiß noch immer davon überzeugt, ihre eigenen Interessen nur unter Ausschluß der jeweils anderen Seite erreichen zu können. Dabei fußt sowohl die Sicherheit der Weißen als auch das wirtschaftliche Vorankommen der Schwarzen entscheidend auf der Zufriedenheit der jeweils anderen Gruppe.

Aber auch der fast schon reflexartige Versuch, jede noch so konstruktive Kritik mit dem Universalargument "Rassismus" zu ersticken, treibt viele Weiße ins Private. Diesen Vorwurf machen zum Beispiel auch jene Schwarze geltend, die sich der Korruption schuldig gemacht haben.

Bei allen Rückschlägen kann Südafrika zehn Jahre nach der Stunde Null jedoch mit einem Schuss Vertrauen in die Zukunft blicken. Dass am Kap noch Wunder geschehen, hat man dort bereits bewiesen. Die Freilassung Nelson Mandelas, die unblutige Abschaffung der Apartheid und später die friedlichen Wahlen waren vor dem 11. Februar 1990 kaum zu erwarten gewesen.

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