Politik : Am Aschermittwoch war alles vorbei

Italiens Regierungschef Prodi beweist im Moment seines Rücktritts Führungsstärke – das war lange bei ihm vermisst worden

Paul Kreiner[Rom]

„Arschloch! Scheißkerl! Hurensohn!“ Im Hohen Haus fliegen die Fetzen. „Wähl endlich! Du sollst wählen, hab’ ich dir gesagt“, schreit mit hochroten Wangen die Fraktionsvorsitzende Anna Finocchiaro zum Kommunisten Fernando Rossi hinüber. Parteifreunde versuchen, ihm die Stimmkarte zu entreißen und – auf eigene Faust – aus seiner brandgefährlichen Enthaltung ein Ja zu machen. Rossi rührt keinen Finger. Hefte, Zeitungen, Papierknäuel fliegen. Dann das Ergebnis – gefolgt von Geschrei wie im Fußballstadion und von einer Abgeordneten, die Samba tanzt, mitten im Senat: Es ist Laura Bianconi aus den Reihen der Opposition. Mit 158 zu 160 Stimmen ist die Regierung von Romano Prodi in der Zweiten Kammer des Parlaments untergegangen; die Rechten haben gewonnen. Sie selbst können das Unerwartete im ersten Moment gar nicht glauben. Aber dann formieren sie sich zu Sprechchören: „Rücktritt! Rücktritt!“

Romano Prodi müsste nicht viel darauf geben. Niemand hat ihm formell das Vertrauen entzogen. Die Abstimmung im Senat betraf lediglich die außenpolitischen Leitlinien seiner Regierung. Aber dass es ein wichtiger Stimmungstest war, das wussten alle. Außenminister Massimo D’Alema wollte zeigen, dass Rom zu seinen Bündnisverpflichtungen gegenüber Nato und USA steht, dass Italien insbesondere am Militäreinsatz in Afghanistan festhält – unzumutbar für die „pazifistischen“ und antiamerikanischen Ultralinken in der Koalition. Schon in den Tagen zuvor hatte D’Alema die Leine angezogen: „Entweder die Mehrheit hält, oder wir gehen alle nach Hause.“

Ob diese Forcierung mit Prodi abgesprochen war, oder ob D’Alema die Ultralinken im Alleingang provozieren und damit die Koalition einer Zerreißprobe aussetzen wollte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Verschwörungstheorien, wie üblich in Italien, liegen nahe. Schließlich war D’Alema mit seinen Ränkespielen schon einmal Totengräber einer von Prodi geführten Koalition: Neun Jahre ist das her, aber unvergessen.

Prodi jedenfalls fackelt an diesem grauen Aschermittwoch nicht lange. Er weiß, dass der Senat die offene Flanke seiner Koalition ist. Dort regiert er seit der Wahl im April 2006 mit nur einer Stimme Mehrheit – und das bei einem Neunparteienbündnis. Rechnen konnte Prodi bisher mit den „Senatoren auf Lebenszeit“, sieben früheren, hochbetagten Staats- oder Ministerpräsidenten beziehungsweise Nobelpreisträgern, die ihrer Verdienste wegen im Parlament sitzen dürfen. Zu ihnen gehört der Turiner Industrielle Sergio Pininfarina, der sich seit Prodis Vereidigung nicht mehr im Senat blicken ließ, nun aber – so die Hypothese – vom Industriellendachverband Confindustria dorthin gebeten wurde, um offene Rechnungen mit der „wirtschaftsfeindlichen“ Regierung zu begleichen. Rechte Parlamentarier jubeln schon: „Seht, das war unsere Geheimwaffe.“

Zu den Senatoren auf Lebenszeit gehört vor allem aber der undurchsichtige siebenmalige Regierungschef Giulio Andreotti, der an diesem Aschermittwoch zwar ein Ja zur Regierung angekündigt hatte, sich dann aber anders entschied. „Selber schuld“, sagen Beobachter: Die Regierung habe den Vatikan provoziert, indem sie nichteheliche Lebensgemeinschaften rechtlich zulassen wollte. Da müsse man sich nicht wundern, wenn der Erzkatholik Andreotti gegen die Regierung stimmt. Andreotti selbst, unschuldig wie immer, gibt zu Protokoll: „Oh, ich habe gar nicht gewusst, dass ich zu Prodis Fall beitragen würde.“ Bereut habe er es aber nicht.

Und während sich im Internet und vor allem in den linken Zeitungen des Landes ein nahezu ungebremster Zorn über jene Kommunisten ergießt, die im Senat Prodi haben scheitern lassen – „Sie haben 19 Millionen Wähler verraten“, oder „Diese Leute verdienen nichts anderes als Berlusconi“ – genießt Prodi allgemeine Zustimmung für etwas, was er neun Monate lang hat vermissen lassen: Entschiedenheit und Führungsstärke. Angesichts der Zusammensetzung und des Zustandes der Koalition, sagt etwa die führende „La Repubblica“, habe Prodi gut daran getan, sofort abzutreten und sich nicht länger an der Nase herumführen zu lassen.

Bis zu diesem Aschermittwoch war Prodi als Regierungschef kaum hervorgetreten. Er gab den Moderator, nicht den Anführer. In den vergangenen Wochen aber muss etwas zerbrochen sein. Plötzlich warnte Prodi genervt, er sei „kein Regierungschef für alle Jahreszeiten“. Plötzlich erklärte er die Zulassung nichtehelicher Lebensgemeinschaften zur Chefsache. Wie es nun weitergeht, ist offen. Die Kommunisten versichern ihn wieder ihres „vollen Vertrauens“ und verlangen eine Neuauflage der Koalition. Prodi scheint zu wollen – aber nur, wenn ihm künftig jede Extravaganz erspart bleibt.

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