Politik : Am Ende bleibt nur Mitleid

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Nein, der Mann macht keine halben Sachen – Edmund Stoiber ruiniert sich und die CSU ganz. Sein Zögern, bald schon legendär, und sein Mangel an Einsicht, auch schon allseits bekannt, verhindern, dass einer der bedeutenden Politiker der Union in Würde abtritt. Die Chance, dass es ihm doch noch gelingt, einen Rest davon zu bewahren, wird mit jedem Tag geringer. Dieser Montag ist wieder so einer: Danach muss er wissen, was er zu tun hat. Endlich.

Bis 2013 wollte er regieren – und hat damit der wahren Wirklichkeit und nebenbei den Wählern in grotesker Weise Hohn gesprochen. Ein ungeheurer Fehler war das, der entscheidende. Als Generalsekretär unter Strauß, als er noch das „blonde Fallbeil“ hieß, auch in seinen Jahren als Staatsminister bis hin zu Streibl, hat er immer gewusst, wann bei anderen das Ende nahte. Gnadenlos konnte er dann sein. Schon gar, wenn es darum ging, die eigene Chance zu nutzen. Jetzt droht ihm, dem Ungeliebten, dem Selbstverliebten, die gleiche Behandlung. Achtung, Fallbeil! So sozial ist die CSU denn doch nicht, dass sie sich um Stoibers willen opfert. Sie sinkt und sinkt in der Wählergunst, aber versinken im Morast dieser Krise will sie bestimmt nicht. Je länger es dauert, desto deutlicher wird: Gabriele Pauli hat Recht.

Stoiber hat ein Problem mit seiner Selbsteinschätzung. Alles das, was im Wahlkampf seinerzeit gegen Gerhard Schröder zutage trat, sieht man jetzt wieder. Wie linkisch er ist, wie ungelenk und unsouverän, nicht zuletzt im Umgang mit berechtigten Ansprüchen oder Kritik. Derart versperrt in sich wirkt er, bald schon selbstzerstörerisch, dass man Mitleid haben kann. Nichts ist schlimmer am Ende einer solchen staunenswerten Karriere. Ja, und er ist am Ende.

Unersetzbar ist keiner. Die Lücke, die er hinterlässt, füllt ihn voll aus. Politik, dies zur Erinnerung, ist verbunden mit Ämtern auf Zeit. Auf Zeit! Keiner hat einen Anspruch auf ewiges Regieren oder, im Hinblick auf Stoiber, auf ewiges Administrieren. Er ist so vieles gewesen, nur vielleicht nie wirklich vom Herzen her ein Politiker, einer, der die Menschen mag, der um ihretwillen ändern, verbessern, anschieben will. Der sich selbst nicht so wichtig nimmt, wie der große soziale Papst Johannes XXIII. sich selbst und allen Christenmenschen empfahl. Oder wenn, dann muss Stoiber dieses Gefühl mit der Zeit abhanden gekommen sein. Darum auch ist er nicht mehr populär, nicht einmal mehr unter seinen Landsleuten, und handelt auf Bundesebene oft populistisch. Da dokumentiert sich der Mangel an Gespür. Es gibt Dinge, die darf einer nicht tun, wenn er ernst genommen werden will. Ob Gesundheitsreform oder anderes, verlässlich war nur seine Unzuverlässigkeit. Das ist für die Glaubwürdigkeit eines Politikers der Tod.

Und dann eben auch immer wieder dieses Zögern. Abgesehen von der Kanzlerkandidatur: Bundespräsident hätte er werden können, der erste aus den Reihen der CSU, Kommissionspräsident der Europäischen Union, Superminister im Bundeskabinett. Er ist das alles nicht geworden. Weil er sich nicht traute. Weil er zögerte. Weil er heute so und morgen so dachte. Aber gleichviel, warum: Es ist gut so. Er wäre falsch am Platz gewesen.

In Bayern war er lange richtig. Da kann man ein ganzes Land als – mit allem Respekt – Oberfinanzpräsident regieren, muss keine Rücksichten auf Koalitionen nehmen. Aber wenigstens Rücksicht auf die eigene Partei. Sonst nimmt die nämlich auch keine mehr.

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