Politik : "Am falschen Ort": Heimatlos

22.10.2000 00:00 UhrVon Ludwig Watzal

Als Edward Saids Autobiografie im letzten Jahr im Original in den USA erschien, erregte ein Artikel des israelischen Wissenschaftlers Justus Reid Weiner in der US-Zeitschrift "Commentary" großes Aufsehen. Der Autor warf Said vor, Stationen seines Lebens "gefälscht" zu haben. Beinahe alles, was ich herausgefunden habe, so Weiner, widerspräche "der Geschichte von Saids Jugendzeit, wie er sie uns erzählt". Diese Autobiografie revidiere gründlich Saids persönliche Geschichte, die er in den letzten Jahren erzählt habe, und bringe sie in die Nähe der Wahrheit.

Die aufgebauschten Vorwürfe Weiners waren ein Sturm im Wasserglas und fielen nach einer Stellungnahme von Said in sich zusammen.

Es handelte sich um die Frage, ob Jerusalem das Zentrum seiner Jugend gewesen sei sowie um die Eigentumsfrage des Hauses in West-Jerusalem, den von Said reklamierten Flüchtlingsstatus mit den damit zusammenhängenden Fragen von eventuellen Entschädigungszahlungen von Seiten Israels. Wichtiger hingegen war die Zielrichtung der Attacke Weiners. Der Autor wollte den wichtigsten und bekanntesten Exil-Palästinenser als unglaubwürdig erscheinen lassen. Wenn seine Geschichte schon "gefälscht" war, wie umso mehr dann die Geschichte der anderen Palästinenser.

Edward Said gehört zu den bekanntesten palästinensischen Persönlichkeiten. Er entstammt einer bourgeoisen Familie. Er gehörte der episkopelischen Kirche an. Verbrachte seine Kindheit in Palästina und Kairo. Von 1951 an besuchte er die besten Schulen in den USA und studierte dort auch Literaturwissenschaft. Er lehrt bis heute an der Columbia Universität. Neben seinen Fachpublikationen gilt er als Fürsprecher der palästinensischen Sache in den USA. Er war lange Jahre Parteigänger Arafats, Mitglied des Palästinensischen Nationalrates, des Exilparlaments, bis er sich wegen des Friedensprozesses mit Arafat überwarf. Seither ist er einer seiner schärfsten Kritiker.

Der Autor beschreibt einfühlsam, aber allzu detailliert alle Stationen seines Lebens. Sie handeln vom Verlust der Heimat und den Jahren im Exil. Die Jahre bis 1948 im Jerusalem beschreibt er als "idyllisch". Das Leben schien harmonisch und glücklich. Dennoch, es gab auch Demütigungen.

Said hat mit eindrucksvollen Worten seine Geschichte geschrieben, die ein Produkt aus mehreren Kulturen ist. Sie ist Teil der Tragödie seines Volkes. Der Autor versucht, seine zweifache Identität als US-Amerikaner und Palästinenser zu finden und stellt fest, dass es dafür keinen Ort gibt. Das Buch ist eine enorme Erinnerungsarbeit. Es lässt eine Welt wieder aufleben, die es leider nicht mehr gibt.

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