Politik : Am falschen Ort

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Beinahe wäre Tom Brokaw vom USSender NBC der Einzige gewesen, der live im Fernsehen vom Fall der Mauer berichtete. Er hatte sich an diesem Abend – eher zufällig – auf eine live-Schalte vom Brandenburger Tor eingerichtet, nicht ahnend, dass es auch für ihn die Nacht der Nächte werden würde.

Denn als mich die Hamburger „Tagesthemen“-Redaktion um halb acht fragte, was Schabowskis kryptische Worte wohl bedeuten, da war meine Antwort: Am nächsten Morgen ab 8 Uhr können die Ost-Berliner sich Visa in die Pässe stempeln lassen und dann würden sie wohl kommen, erst da ginge es richtig los.

Doch dann beschlossen wir glücklicherweise doch, auch an diesem Abend in den „Tagesthemen“ live von der Mauer zu berichten. Ich hatte mir den Grenzübergang Invalidenstrasse ausgesucht. Wie groß war dann die Enttäuschung, als ich kurz vor Sendungsbeginn hörte, dass die ersten Ost-Berliner an einem ganz anderen Ort, nämlich am Grenzübergang Bornholmer Straße, schon im Westen angekommen seien. „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“, sagte unser Moderator Hans-Joachim Friedrichs in Hamburg – „wir schalten jetzt zu Robin Lautenbach an der Berliner Mauer“. Da stand der Fernsehreporter nun an diesem historischen Tag: Zur richtigen Zeit – aber leider am falschen Ort. An der Invalidenstrasse war es in diesen Minuten so ruhig wie die 28 Jahre zuvor: kein Trabbi, kein DDR-Bürger. Nur ein West-Berliner Taxifahrer erzählte, wie viele er an der Bornholmer Brücke schon gesehen hatte. 20 Minuten später war dann auch „mein“ Übergang offen, nun konnte es jeder live im Fernsehen sehen: die Ersten im Trabbi, die Ersten zu Fuß, das Hinüber und Herüber zwischen Ost und West. Und dann wurde auch die Invalidenstrasse noch richtig populär. Fotos: privat

Robin Lautenbach war 1989 Reporter des SFB, heute leitet er das ARD-Studio in Warschau.

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