Politik : Am falschen Strand

Nach den Krawallen fürchtet Australien um seinen Ruf als tolerantes Land

Alexander Hofmann[Sydney]

Die erste Annäherung war noch unbeholfen. Junge Männer mit blonden langen Haaren in Surfklamotten begrüßten junge Männer mit dunklen Vollbärten in weißen Gewändern. Das war am Mittwoch in Sydney, ein Versuch zwischen Surfern und Einwohnern libanesischer Abstammung, nach Tagen rassistischer Gewalt ein Zeichen des Friedens zu setzen.

Am vergangenen Sonntag war zu rassistischen Ausschreitungen gekommen, die viele Australier nicht für möglich gehalten hatten. Ein Mob von 5000 weißen, hauptsächlich jungen Männern war zur „Verteidigung unseres Strandes“ im Stadtteil Cronulla im Süden Sydneys aufgetaucht, zusammengetrommelt von rechtslastigen Radiomoderatoren und per SMS-Nachrichten verabredet.

Unmittelbarer Anlass war der Angriff einer Gruppe vermutlich libanesischstämmiger Jugendlicher auf einen Lebensretter am Wochenende zuvor. Die „Lifesaver“, die an den Stränden für die Sicherheit der Badenden sorgen, gehören zu den bedeutendsten Symbolen des australischen Lebensstils. Der Gang zum „Beach“ gilt auf dem fünften Kontinent, wo mehr als 80 Prozent der Bevölkerung weniger als 50 Kilometer vom Meer entfernt wohnen, als der ultimative Gleichmacher, schließlich unterscheidet man sich dort nur durch die Farbe der Badehose und des Handtuchs.

Ausgeprägt ist in Sydney aber auch der Lokalstolz auf den „eigenen“ Strand, an dem vermeintliche Fremde nichts zu suchen haben. Wenn diese wie jetzt in Cronulla auch noch einer anderen Kultur angehören und sich angeblich aggressiv gegenüber jungen Frauen verhalten, fühlen sich offenbar einige Australier berechtigt, loszuprügeln. Die Bilder des brutalen Mobs schockierten das Land, und es war wohl nur dem mutigen Einschreiten der in viel zu geringer Zahl erschienenen Polizisten zu verdanken, dass niemand totgeschlagen wurde. Vertreter rechtsradikaler Gruppen nutzten die Gelegenheit, um die Stimmung anzuheizen.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Libanesischstämmige Jugendliche organisierten sich und schlugen in mehreren umliegenden Stadtteilen mit Baseballschlägern Dutzende Autos zu Schrott und verletzten Anwohner. Zudem wurden Anschläge auf mehrere Kirchen verübt. Die Regierung des Bundesstaates New South Wales hat mittlerweile reagiert. Das Parlament wurde aus den Ferien zu einer Sondersitzung zurückberufen, in der drastische Strafen und zusätzliche Befugnisse für die Polizei beschlossen werden sollen.

Die Australier sorgen sich nun um das Ansehen ihres Landes. Manche machen Premierminister John Howard wegen seines harten Vorgehens gegen Flüchtlinge (Wahlslogan: „Wir bestimmen, wer in unser Land kommt!“) und scharfer Anti-Terror-Gesetze für die Randale mit verantwortlich. Howard gestand am Mittwoch ein, dass er von mehreren Regierungschefs beim Ostasiengipfel in Kuala Lumpur auf die Ausschreitungen in Sydney angesprochen worden sei. Der Premierminister wehrte sich aber gegen die Behauptung, in Australien gäbe es „unterschwelligen“ Rassismus.

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