Politik : Am liebsten raus

BUSHS NEUE IRAKPOLITIK

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Von Malte Lehming

Amis raus! Der Irak gehört den Irakern! Fast wörtlich wiederholt plötzlich der USPräsident, was die Kriegsgegner seit langem skandieren. In sieben Monaten, heißt es jetzt, soll die Macht in Bagdad an eine provisorische Regierung übergeben werden. Bereits im Frühjahr wollen die USA die ersten Truppen abziehen. Ganz offen spricht man in Washington von einer „Ausstiegs-Strategie“. Husch, husch, heißt die Devise.

Eine neue, überraschende Koalition hat sich gebildet. Die Wahlkampfstrategen von George W. Bush verfolgen dasselbe Ziel wie all jene Kräfte, die die amerikanische Besatzung des Irak schon immer für falsch gehalten haben. Dazu zählen auch Frankreich, Deutschland und der UN-Generalsekretär. Sie alle fordern, die Verantwortung für den Wiederaufbau des Landes so schnell wie möglich in einheimische Hände zu legen. Analog zu der Erkenntnis – es hat noch nie jemand einen Leihwagen gewaschen – würden sich die Iraker erst dann um ihr Schicksal kümmern, wenn sie es selbst bestimmen können.

Das klingt gut. Und ist doch falsch. Sämtliche Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit – vom Balkan bis Osteuropa – lehren eines: Der Aufbau ziviler, stabiler, gar demokratischer Strukturen in zuvor totalitären Gesellschaften braucht Zeit, sehr viel Zeit. Beschleunigen lässt sich der Prozess kaum. Und im Irak sind die Bedingungen so ungünstig wie sonst nirgends. Die Bevölkerung ist in drei Gruppen gespalten – Schiiten, Sunniten und Kurden. Jahrzehntelang hat das Volk in stalinistischer Umklammerung eines Despoten gelebt. Was Demokratie bedeutet, weiß keiner. Wahrscheinlich war die Herausforderung, aus deutschen Nazis einigermaßen verlässliche Verbündete zu machen, leichter als heute die selbst gestellte Aufgabe, im Irak die erste Demokratie in der arabischen Welt zu errichten. Ob das überhaupt möglich ist, bleibt zweifelhaft. Doch solche Zweifel entbinden die USA nicht von der Verpflichtung, es zu versuchen. Standhaft, ausdauernd und unter Inkaufnahme von Opfern.

Eine größere Katastrophe als ein Scheitern dieses Projektes lässt sich kaum denken. Die Lage der Amerikaner im Irak wird heute manchmal mit der in Vietnam verglichen. Der wichtigste Unterschied ist der: Aus Vietnam konnten die USA sich zurückziehen, ohne die eigene Sicherheit zu gefährden. Sollte es indes den Widerständlern gelingen, die Amerikaner aus dem Irak zu vertreiben, wäre dies der größte Triumph für alle antiwestlichen Islamisten. Sie lachen sich schon jetzt ins Fäustchen, weil ihre Anschläge die Supermacht ins Straucheln gebracht haben. Mit Hilfe des Terrors ist der dekadente Westen trotz seiner Wirtschaftsmacht in die Knie zu zwingen: Das wäre die Botschaft, die ein vorzeitiger Abzug verbreiten würde.

Aber könnten nicht UN oder Nato die Amerikaner ersetzen – und so die Lage entschärfen? Leider nein. Erstens ist es den Baathisten egal, wen sie in die Luft jagen. Ihr Kampf richtet sich gegen jede neue Ordnung. Sie massakrieren auch Muslime, die sie für Kollaborateure halten, einschließlich der eigenen Landsleute. Zweitens wären UN- oder NatoTruppen weit weniger effizient als die amerikanischen Einheiten.

Deshalb steht Bush in diesen Tagen vor einer Entscheidung, die seine Präsidentschaft prägen wird wie keine zweite. Hört er auf seine Strategen, die ihm empfehlen, möglichst rasch die Soldaten nach Hause zu holen – was in Amerika nicht gleich als Niederlage gesehen würde? Dann könnte er mit zwei gewonnenen Kriegen und einem Wirtschaftsaufschwung im Rücken relativ ruhig in den Wahlkampf ziehen. Oder hört er auf die Stimme der Vernunft und riskiert seine Wiederwahl, um die Sache im Irak richtig zu beenden? Noch sendet der Präsident widersprüchliche Signale aus. Einerseits gelobt er, am Ziel einer Demokratisierung des Nahen Ostens festzuhalten. Andererseits plant er den Einstieg in den Ausstieg. Sein Wankelmut wiederum ermuntert seine Gegner.

Am Sonntag hat offenbar Saddam Hussein wieder eine Botschaft über den Äther gesandt. Dass seine Mission, sein Kampf gegen den Terror, einmal in Kollision gerät mit den Chancen für seine Wiederwahl, hat Bush wohl nie vermutet. Man könnte es die Hinterlist der Geschichte nennen.

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