Am Scheideweg : Pakistan und der Weg ins Chaos

Attentate, Gewalt auf der Straße und Hausarrest für die Opposition. In Pakistan spitzt sich die Lage immer weiter zu. Die Erosion der Macht des Militärchefs Musharraf und parallel dazu dessen Uneinsichtigkeit bringen das Land an den Rand eines Bürgerkriegs.

Markus Mechnich

Militärdiktaturen gibt es viele auf der Welt. Pakistan gehörte von seiner Machtbalance sicher nicht zu den schlimmsten der autoritär geführten Staaten. Doch was passieren kann, wenn das Ansehen des Oberbefehlshabers schwindet und ein ohnehin fragmentiertes Land auseinander zu brechen droht, ist in diesen Tagen in Islamabad zu sehen. Pakistan steht am Scheideweg und zur Stunde kann kaum jemand sagen, wohin die Reise geht.

Betrachtet man den Staat aus dem Blickwinkel der US-Terrorbekämpfer, dann hat Pakistan alles, was westlichen Geheimdiensten Sorgen bereitet. Korrupte Politiker, machthungrige Militärs und große Armut in der Bevölkerung. Hinzukommen abtrünnige Gebiete mit herrschsüchtigen Stammesfürsten und zahlreiche fundamental-islamistische Gruppierungen mit steigendem Einfluss. Als besonders prekäres Element hat Pakistan ein erhebliches atomares Waffenarsenal und liegt geographisch an der Nahtstelle zwischen Asien, Osteuropa und dem Nahen Osten.

Partner der Nato

Kein Wunder also, dass die USA das Land als besonderen Verbündeten umgarnt haben, gerade in der Folge der Terroranschläge des Septembers 2001. Das Land wurde von George W. Bush in den Status eines Non-Allied-Partners der Nato erhoben, also eines Staates der nicht verbündet, aber trotzdem wichtiger strategischer Partner ist. Das stellte Pakistan auf eine Stufe mit Ländern wie Australien oder Japan. Diese, aber auch die europäischen Verbündeten, waren etwas brüskiert von dem Schritt.

Die zentrale Rolle in dem Puzzle Pakistan spielt das Militär. Die Armee ist das Rückgrat des Staates und umgekehrt ist der Staat ohne die Armee nicht denkbar. Daher wurde der Putsch von General Musharraf im Jahr 1999 in der Bevölkerung sehr positiv aufgenommen. Gleichzeitig ist das Militär aber auch Staat im Staate. Die Offiziere betreiben ein regelrechtes Wirtschaftsimperium und sind der größte Arbeitgeber im Lande. In der Gesellschaft hat die Armee jedoch viel an Ansehen verloren. Sie werden als korrupt und gierig wahrgenommen.

Keine Linie gegenüber den Taliban

Mit den Islamisten, insbesondere den Taliban, spielte Musharraf jahrelang Vabanque. Von den USA bekam er in den letzten sechs Jahren Militärhilfen von insgesamt mindestens 10 Milliarden Dollar. Das festigte seine Macht, auch innerhalb der Armee. Doch richtig durchgegriffen gegen die Hetzer und Hassschürer hat er nie. Vielmehr hielt er sich die Radikalen und die Taliban immer als Option offen. Erst als die Rote Moschee in Islamabad besetzt wurde, hat Musharraf Soldaten aufmarschieren lassen. Als der Anführer der Koranschüler, Abdul Rashid Ghazi, im Kugelhagel starb, verschwand mit ihm auch der letzte Rest an Einfluss des Generals auf die Religiösen. Gleichzeitig entstand ein einflussreicher Rivale für ihn. Zahlreiche Attentate, darunter viele auf Musharraf selbst, waren die Folge.

Ebenso gefährlich ist Musharrafs Haltung zu den Taliban. In den „Tribal Areas“ genannten Gebieten an der Grenze zu Afghanistan ließ er die Eiferer lange gewähren und ihre Fäden spinnen. Mittlerweile sind große Gebiete nicht mehr durch pakistanische Soldaten zu kontrollieren und beinahe täglich kommt es zu Gefechten mit Toten und Verletzten. Gerade hier verlangen die USA jedoch ein hartes Durchgreifen. Bleiben diese Gebiete sicherer Rückzugsraum für Terroristen, ist der Kampf in Afghanistan nicht zu gewinnen, so die durchaus schlüssige Argumentation der Vereinigten Staaten.

Pakistan überholte Saudi-Arabien als Exporteur des Terrors

Der Terrorismus ist ein weiterer Faktor im Kampf um das Land. Pakistan ist mittlerweile der größte Terror-Exporteur geworden. Die Attentäter von London, die verhinderten Terroristen aus Deutschland. Alle Spuren führen nach Pakistan. Diese Tatsache hat dem Land enorm geschadet und die Nation ins Fadenkreuz der westlichen Welt gebracht. Musharraf hat es nie geschafft dem Treiben der Islamisten in seinem Land Einhalt zu gebieten. Wahrscheinlich war es auch kaum machbar und zu gefährlich.

Wie die künftige Entwicklung auch aussehen mag, Pakistan entwickelt immer mehr zu einem zentralen Baustein in der Konfrontation zwischen der westlichen Welt und dem radikalen Islamismus. Nicht nur am Hindukusch ist die Freiheit zu verteidigen, sonder auch und vor allem in Islamabad und Karachi. Doch es ist immer schwieriger zu erkennen, wen es zu stützen gilt und wer dem Land die so wichtige Stabilität bringen kann. Vermeintliche Heilsbringer, wie Benazir Bhutto haben sich in der Vergangenheit nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Ohne die Armee ist ohnehin kein Pakistan denkbar. Klar sollte auf jeden Fall sein: eine „Haudrauf“-Taktik á la Irak kann es nicht geben. Behutsames Vorgehen und ein Austarieren der Kräfte ist der einzige Weg überhaupt Einfluss zu nehmen. Eine heikle Aufgabe, die Diplomatie und keine starke Worte erfordert.

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