Politik : Am Siedepunkt

Hilfsorganisationen sehen in der Wasserknappheit den Grund für zunehmende Aggressionen gegen die Besatzer

Christian Staas

DER IRAK–KRIEG UND DIE FOLGEN

„Der Frust in der Bevölkerung steigt mit den Temperaturen.“ Mit diesen Worten beschreibt der Cap Anamur-Vorsitzende Elias Bierdel die Stimmung in Bagdad. Es herrschen 45 Grad im Schatten, bis August wird die Hitze noch zunehmen. Auf bis zu 50 Grad klettert dann das Thermometer – und die Versorgungslage ist schlecht: Es gibt zu wenig Medikamente, die Stromversorgung ist instabil, vor allem mangelt es an Trinkwasser. Momentan prüft die US-Regierung das Angebot von Innenminister Otto Schily, die USA mit Hilfe des Technischen Hilfswerks (THW) zu unterstützen. In größerem Maßstab, als es Hilfsorganisationen wie Cap Anamur leisten können, sollen die THW-Experten defekte Wasseranlagen wieder zum Laufen bringen und neue installieren. „Das ist eine Titanenaufgabe“, sagt Elias Bierdel. „Wahrscheinlich wird es Jahrzehnte dauern, bis wieder genug sauberes Wasser fließt.“

Bierdel und seine Mitarbeiter kümmern sich zurzeit in den Slums vor Bagdad um die Ärmsten der Armen. Unter anderem prüfen sie, ob es möglich ist, Brunnen zu bohren. „Der Slum, in dem wir arbeiten, heißt Sieben Schlösser; das klingt fast zynisch“, erzählt er. Rund 50 000 Menschen leben dort. Pro Tag liefern fünf Tanklaster der Unicef sauberes Trinkwasser. 30 wären nötig, um die Bevölkerung ausreichend zu versorgen. Viele schöpfen ihr Wasser deshalb aus dem Tigris-Seitenkanal, der durch das Viertel fließt. „Noch ist das keine Kloake“, so Bierdel, „aber an vielen Stellen liegen Tierkadaver und Müll im Wasser.“ Das sei ein Nährboden für Seuchen – und den wachsenden Unmut in der Bevölkerung: „Viele geben den Amerikanern die Schuld an ihrem Elend.“

„Die lassen uns verdursten“

Seit einiger Zeit, berichtet Bierdel, kursieren Verschwörungstheorien in Bagdad. „Die Amerikaner wollen uns bestrafen, sagen die Leute. Die lassen uns verdursten.“ Das Gros der Iraker begrüße daher die blutigen Anschläge auf die Besatzungstruppen, die fast täglich für Schlagzeilen sorgen. Im Juni ergab eine Umfrage unter 1000 Irakern, dass nur sechs Prozent glauben, die Amerikaner seien zum Wohle Iraks im Land. Auch Bierdel betrachtet das US-Militär mit Skepsis: „Da ist in erster Linie ein Machtanspruch zu spüren“, sagt er. „Das Misstrauen bei den Irakern sitzt tief, schließlich haben sie jahrelang unter einem Regime gelitten, von dem sie sich verraten gefühlt haben.“

In der britischen Zone sei die Stimmung gegenüber den Besatzern moderater, berichtet Krankenschwester Elisabeth Spengler. Bis vor kurzen war sie für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ im südirakischen Basra. „Die Briten treten gediegener auf“, sagt sie. „Die sitzen nicht mit der Knarre auf dem Jeep.“ Das Hauptproblem sei indes auch hier das Wasser. Leitungen werden aus Not angebohrt, der Wasserdruck lässt nach, Schmutz sickert ein. Was in Bagdad droht, beginnt sich hier schon zu verbreiten: Cholera. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt 73 Fälle im Irak, 68 davon in Basra und Umgebung. „Das ist hier allerdings jeden Sommer der Fall“, erklärt Spengler.

Generell sei die Lage nicht primär wegen des Krieges so schlimm, sondern weil Saddam Hussein das Land völlig heruntergewirtschaftet habe. Die „humanitäre Katastrophe“, die viele Organisationen vor dem Krieg befürchtet haben, sei nicht eingetreten. Die übertriebenen Befürchtungen seien dabei vor allem für andere Krisengebiete auf der Welt ein Problem gewesen – die seien einfach nicht mehr wahrgenommen worden. Gleichwohl benötige der Irak Hilfe, das Land sei aus den Fugen: „Die Menschen haben durch den grausamen Kriegsalltag zum Teil sämtliche Hemmungen verloren“, sagt Elisabeth Spengler. Auch Elias Bierdel spricht von einer „verrohten Gesellschaft“. Schießereien und Überfälle gehörten zum Alltag. Meist gehe es dabei ums nackte Überleben.

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