• Am Sonntag beginnt das große Wahlspektakel, das aus logistischen Gründen einen ganzen Monat lang dauert

Politik : Am Sonntag beginnt das große Wahlspektakel, das aus logistischen Gründen einen ganzen Monat lang dauert

Gabriele Venzky

Den Namen Bellary kannten bislang nur Touristen, die auf dem Wege zu den bedeutenden Ruinen des untergegangenen Großreichs von Hampi unendlich lange an der geschlossenen Bahn-Schranke mitten im Ort warten mussten. Aber plötzlich ist die öde Kleinstadt im südlichen Karnataka zum Mittelpunkt der Welt geworden, zumindest der Wahlkampfwelt in Indien. Alle 600 Hotelzimmer des Ortes, auch die zweifelhaften, sind ausgebucht. Da der Genuss von Trinkwasser in Bellary wie in den meisten Regionen Indiens schwere Krankheiten hervorrufen kann, ist Mineralwasser ausverkauft. Und die Garküchen machen die besten Umsätze ihres Lebens.

Horden von Journalisten sind in die Stadt eingefallen, und ebenso Horden von den Leuten, die man in Indien "VVIP" nennt, "Very Very Important Persons", also Parteigrößen und nicht so große Parteigenossen, dazu die unerlässlichen Filmstars, die lebenswichtigen Requisiten eines jeden indischen Wahlkampfes. Denn Bellary ist Indiens wichtigster Wahlkreis: Hier tritt Sonia Gandhi an, und ganz Indien schaut in diesen Tagen dorthin.

Am Sonntag beginnt das größte Wahlspektakel, das auf dieser Erde veranstaltet wird: Die Inder gehen zu den Urnen - aus logistischen Gründen einen ganzen Monat lang an jedem Wochenende, denn über 600 Millionen Menschen sind wahlberechtigt. Während die Leute in Delhi bereits ihre Stimmen abgegeben haben, stehen in Kalkutta, am anderen Ende des Subkontinents noch nicht einmal die Kandidatenlisten fest. So ist das eben in diesem Land, das sich selbst gern die größte Demokratie der Welt nennt. In deren Getriebe knirscht es zwar gewaltig, aber immerhin: Noch nie sind in Indien Wahlen ausgefallen, noch nie hat das Militär versucht, zu putschen.



Die ideale Frau ist gehorsam

In Bellary entscheidet sich nicht nur die politische Zukunft der bekanntesten Witwe Indiens. Zwar hat sie bereits erklärt, dass sie in der Politik auch dann weitermachen will, wenn sie verliert. Aber sicher ist das nicht. Vor allem aber wird hier über die Zukunft der Kongresspartei entschieden. Denn die Niederlage ihrer Spitzenkandidatin in einem seit 50 Jahren "sicheren" Wahlkreis würde die Spaltungstendenzen verstärken, die ohnehin schon der abgewirtschafteten Traditionspartei gewaltig zu schaffen machen. Bellary war Indira Gandhis Wahlkreis, "und nun bin ich, ihr Bahu, gekommen,um euch um eure Stimme zu bitten", sagt Sonia und die Frauen weinen. Das Wort Bahu, Schwiegertochter, ist gut gewählt. Die gehorsame Bahu ist das Idealbild der indischen Frau, und eine gehorsame Bahu war sie immer gewesen, diese Sonia, anders als ihre aufmüpfige Schwägerin Maneka Gandhi, die im gegnerischen Lager ist.

Mit einem roten Punkt von der Größe eines Ein-Mark-Stücks auf der Stirn und dem Credo der rechtsextremen BJP: "swadeshi" gegen "videshi": "Urindisches" gegen "Unindisches", zieht derweil unverdrossen Sushma Swaraj gegen die populäre Sonia ins Feld. "Ehret die indische Frau und lehnt die Fremde ab", ermahnt sie unermüdlich ihre Zuhörer, und das auch noch in der eben erlernten Lokalsprache Kannada. Die Nationale Demokratische Allianz, das Wahlbündnis der amtierenden BJP-Regierung hat die gesamte Politprominenz des Lagers aufgeboten, um in das gleiche Horn zu stoßen, den Premierminister inklusive. Nun muss Sonias beliebte Tochter Priyanka, die so viel Ähnlichkeit mit der jungen Indira Gandhi hat, als Wunderwaffe der Kongresspartei eingesetzt werden, damit die "Schwiegertochter Indiens" den für sicher gehaltenen Sieg in Bellary auch wirklich einfahren kann.



Unberührbare drängen nach oben

Die wenigsten Beobachter glauben, dass diese bereits dritten Wahlen in Indien in nur drei Jahren ein Zeichen der Instabilität sind. Die meisten meinen, dass sich das riesige Land stetig in Richtung einer gesunden Demokratie bewegt. Das ist fast ein Wunder angesichts der vielen verschiedenen Völker und Religionen, der unterschiedlichen Sprachen und Interessen und der Tatsache, dass sich das Land in einem gewaltigen sozialen Umbruch befindet: zum erstenmal in der fünftausendjährigen Geschichte akzeptieren die unteren Kasten und Klassen oder gar die Dalits, die sogenannten Unberührbaren, nicht mehr den ihnen zugewiesenen Platz, sondern drängen nach oben, unaufhaltsam und immer selbstbewusster.

Dennoch spielt all dies, ganz im Gegensatz zu den zwölf früheren Wahlen, diesmal kaum eine Rolle. Denn es geht praktisch nur um ein Thema: Wer wird der nächste Premierminister, Sonia Gandhi von der Kongresspartei oder der bisherige Regierungschef Atal Behari Vajpayee? Sonia hatte kräftig mitgewirkt, im April Vajpayees wacklige 17-Parteien-Koalition per Misstrauensvotum zu stürzen ohne dann allerdings in der Lage zu sein, ihre eilige Ankündigung, nun würde sie die nächste Regierung bilden, wahr machen zu können. Geschickt bringt die hindu-nationalistische Indische Volkspartei (BJP) immer wieder die Frage ins Spiel: Wem soll Indien mehr vertrauen - der unerfahrenen politischen Novizin, deren einzige Qualifikation die Zugehörigkeit zur Dynastie der Nehru-Gandhi-Familie ist oder dem erfahrenen Staatsmann Vajpayee, der Indien in den letzten Wochen besonnen aus einer bedrohlichen Krise gesteuert hat?

Gemeint ist damit der Krieg gegen Pakistan in Kaschmir. Kargil, der Ort im Zentrum der Auseinandersetzungen, ist zu einem Synonym für einen hochwallenden Patriotismus und Nationalismus geworden. "Ein neues, mächtiges Indien ist nach Kargil geboren worden", verkündete der amtierende Premier Vajpayee zum Nationalfeiertag. Beim letzten Krieg gegen Pakistan im Jahr 1971 gab es im Lande 40 000 Fernsehgeräte. Diesmal verfolgten 500 Millionen Menschen "live" Kampf und Sterben ihrer "Kriegshelden". Meinungsumfragen geben dem geschickt um die BJP herumgezimmerten Wahlbündnis der Nationalen Demokratischen Allianz (NDA) zwischen 300 und 336 Sitze, während die Kongresspartei lediglich auf 130 bis 146 Sitze kommt. Damit scheint die Wahl bereits eine ausgemachte Sache zu sein. Doch indische Wähler sind unberechenbar. Sonia Gandhi und ihre Kongresspartei haben noch lange nicht aufgegeben.

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