Am Sonntag wählt Haiti : Ringen um politische Stabilität

In Haiti wird am Sonntag ein neuer Präsident gewählt. Die katastrophale Infrastruktur und Analphabetismus hindern allerdings viele an der Stimmabgabe

Magdalena Thiele

Fünf Jahre lang war Michel Martelly Haitis Präsident.
Fünf Jahre lang war Michel Martelly Haitis Präsident.Foto: REUTERS

Seit 2011 haben die Menschen in Haiti auf diesen Tag gewartet: Am Sonntag finden in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince nun endlich die lange angekündigten Präsidentschaftswahlen statt. Wegen innenpolitischer Zerwürfnisse war der Urnengang mehrfach verschoben worden.

Im Januar 2015 war es bei Demonstrationen vermehrt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen. Die Bevölkerung warf der politischen Führung von Präsident Michel Martelly vor, die anstehenden Wahlen absichtlich zu verschleppen. Unter dem Druck der Straße kam es zur Auflösung des Parlaments. Seit Januar ist die regiert Martelly das Land per Dekret.

Die Parlamentswahl hatte am 9. August stattgefunden. Doch auch diese Abstimmung wurde von Gewalt begleitet. Die haitianische Polizei registrierte am Wahltag 137 Festnahmen, 53 Überfälle auf Wahllokale und drei verletzte Polizisten.

 Mehr als die Hälfte der Erwachsenen sind Analphabeten

 Fast sechs Millionen Haitianer sind wahlberechtigt. Nach Einschätzung der EU-Beobachtermission, hatten an der ersten Abstimmungsrunde jedoch nur 15 Prozent von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht. Andere Quellen sprechen von deutlich weniger.  

Ein Grund für die geringe Wahlbeteiligung ist sicherlich auch die prekäre Bildungssituation im Land. Laut Auswärtigem Amt sind in Haiti mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung Analphabeten. Über 80 Prozent der Schulen sind in privater Hand und damit für die einfache Bevölkerung nicht zu bezahlen. Viele Kinder werden entweder gar nicht eingeschult oder müssen ihre Ausbildung wegen Geldmangel abbrechen.

Diejenigen, die eines der wenigen verfügbaren Hochschulstudien absolvieren konnten, verlassen ihre Heimat, um vorwiegend in Nordamerika eine bessere Zukunft zu suchen. Die Menschen in Haiti leiden auch heute noch unter den Folgen des verheerenden Erdbebens, das im Januar 2010 über 250000 Tote gefordert hatte. 2,3 Millionen Menschen wurden obdachlos. Fünf Jahre danach leben immer noch viele von ihnen in Zeltlagern. Die Infrastruktur im Land ist weiterhin miserabel. Die seit Jahrzehnten herrschende Korruption hat das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik tief erschüttert.

Mehr als 50 Kandidaten bewerben sich um das Amt des Staatsoberhaupts. Glaubt man den wenig verlässlichen Umfragen im Land, hat der Vertreter der Alternativen Liga für Fortschritt und Emanzipation (Lapeh), Jude Célestin, die besten Siegchancen. Célestin war bereits im Wahlkampf 2011 gegen Martelly angetreten. Damals musste er nach einem wochenlangen Krimi um die Stimmenauszählung aufgeben, viele Anhänger des Günstlings vom damaligen Staatschef René Préval witterten Wahlbetrug zugunsten des späteren Siegers Martelly.

Präsident Martelly scheidet Anfang 2016 aus dem Amt

Martelly war letztes Jahr der erste haitianischer Regierungschef, der Berlin besuchte. Er sprach mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Joachim Gauck über die aktuelle politische Lage in Haiti und den Ausbau wirtschaftlicher Beziehungen. Anfang 2016 scheidet Martelly nun aus dem Amt. Eine erneute Kandidatur ist laut Verfassung nicht möglich. Der frühere Sänger, mit dem Spitznamen „Sweet Micky“, war als Versöhner und Erneuerer des kaputten politischen Systems Haitis angetreten. Das ist ihm kaum gelungen. Ein geordneter Wahlablauf am Sonntag wäre daher schon ein kleiner politischer Erfolg für ihn. (mit dpa)

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