American Academy : Der Held der Zeitenwende

Ein alter Fuchs und ein früherer Präsident: Henry Kissinger ehrt George Bush senior in Berlin – und findet selbst für den Irakkrieg tiefen historischen Sinn.

Andrea Dernbach
Bush
George Bush senior nahm in der American Academy seine Auszeichnung entgegen. -Foto: dpa

BerlinAls Richard Holbrooke, vor Jahren US-Botschafter in Deutschland und heute Spiritus rector der American Academy, vom „greatest evening“ in der 14-jährigen Geschichte des Instituts am Wannsee spricht, meint man zu wissen, dass er den Ehrengast des Abends meint. Aber es stimmt nicht ganz. Der Mann des Abends ist nicht George Bush senior, früher US-Präsident und Vater des jetzigen Präsidenten. Es ist ein noch älterer Mann, der vorsichtig aufs Podium steigt, um die Laudatio auf Bush zu halten: Henry A. Kissinger, der frühere Außenminister der USA und Namensgeber jenes Preises, den die Academy am Donnerstagabend zum zweiten Mal „für transatlantische Verdienste“ vergibt – erster Preisträger war 2007 Altkanzler Helmut Schmidt. Und für die Dauer von Kissingers Rede scheint die Zeit nicht nur um jene etwa zwanzig Jahre zurückgedreht, die die für preiswürdig befundene Politik von Bush Vater zurückliegt – auf einmal scheinen die 70er Jahre zurück.

Vor den zahlreich versammelten VIPs, die ebenfalls in jener Zeit aktiv waren – Kissinger begrüßt sie als „Freunde, Kollegen und, lassen sie mich sagen, Kameraden so vieler gemeinsamer Anstrengungen“ – spricht er denn auch nicht nur von der deutschen Einheit und dem Beitrag Bushs, in dessen Amtszeit sie fiel. Es sei Aufgabe jeder politischen Führungskraft, sagte Kissinger, „eine Gesellschaft in Bewegung zu bringen, sie von dem Ort aus, wo sie ist, dahin zu führen, wo sie nie zuvor war“. Und in die Bilanz von Bush falle eben nicht nur ein vereintes Deutschland, sondern auch ein neues Verhältnis zur Sowjetunion, später Russland, und eine Qualität der chinesisch-amerikanischen Beziehungen, die es dem Westen heute möglich machten, Anteil zu nehmen am Wachsen Chinas. Dass die Versammlung im Academy-Garten das kleine Eigenlob erkennt, ist dem Laudator sicher. Es war schließlich Kissinger, der in den 70er Jahren die Annäherung an Peking begann.

An dem großen Alten, dessen jüdische Eltern vor exakt 70 Jahren aus Fürth in die USA flohen, ist es denn auch, als einziger das Stichwort Irak auszusprechen, das sich mit der Bush-Dynastie unauflöslich verbindet – Bush senior begann 1991 den ersten Krieg gegen Saddam Hussein, der Sohn führt seit 2003 den zweiten. Das hätte leicht die Feierlaune verderben können, doch der alte Fuchs weiß das abzubiegen: Mit dem Angriff Saddam Husseins auf das Nachbarland Kuwait habe „der Zerfall des Staatensystems im Nahen Osten“ begonnen – und Bush wird nach dieser Lesart, ohne dass es noch ausgesprochen werden muss, zu dem, der auch dieser historischen Herausforderung als erster die Stirn bot.

Noch einer hat an diesem Abend einen großen Auftritt, in Abwesenheit. „Chancellor Kohl“, den Bush als Partner von damals rühmt, als Regierungschef jenes Landes, das Holbrooke kurz zuvor als das „meiner Ansicht nach wichtigste in Europa“ rühmt, Helmut Kohl hätte er zu gern am Wannsee wiedergetroffen, sagt Preisträger Bush. Schon um zu sehen, ob dessen Appetit noch so groß sei wie früher. US-Journalisten, ergänzt Holbrooke, hätten seinerzeit bei den Dinners in Washington-Georgetown mitgezählt. Man sei auf 6000 Kalorien gekommen.

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