Politik : Amerika darf nicht versagen

ANSCHLAG IN BAGDAD

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Von Malte Lehming

Etwas zerfällt in diesen Tagen. Es ist der Glaube an eine bessere Welt. Sie sollte mit dem Einmarsch in den Irak beginnen. So hoffte die amerikanische Regierung. Wie im Märchen, meinten die Strategen, werde sich dann Gutes an Gutes reihen – der Sturz des Diktators, die Befreiung eines Volkes, die Zerstörung von Massenvernichtungswaffen, die Befriedung des Nahen Ostens. Statt Massenvernichtungswaffen gibt es spontane Aufstände, Sabotageakte, einen Guerillakrieg. Die Besatzungsmacht scheint in einem Morast zu versinken. Sie wird misstrauisch, mauert sich ein, sieht in jedem Iraker einen potenziellen Feind. Israelis und Palästinenser sind von einem Frieden so weit entfernt wie vor dem IrakKrieg. Im Irak kann sich niemand mehr sicher fühlen. Chaos und Terror regieren.

Wer hat das Attentat auf das UN-Hauptquartier verübt? Die Guerilla setzt sich aus vielen Elementen zusammen: Nutznießer des alten Regimes, Islamisten, Verächter des Westens, Unzufriedene, Terroristen. Es ist absurd: Ihren Krieg hatte die US-Regierung auch damit begründet, die Verbindungen zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden kappen zu müssen. Solche Verbindungen gab es nicht. Jetzt allerdings, nach dem Krieg, gibt es sie. Amerika hat das Monster geschaffen, das es bekämpfen wollte. Der Irak hat sich zum Magneten für alle Amerikafeinde der Region entwickelt. Aus allen Himmelsrichtungen dringen sie über die Grenzen. Al Qaida ist einst stark geworden durch zwei Ereignisse: die sowjetische Okkupation Afghanistans und die US-Truppenpräsenz in Saudi-Arabien. Dagegen ließ sich Stimmung machen. Nun dient der Terrororganisation die Besetzung des Irak als Mobilisierungsfaktor. Offenbar mit Erfolg: Allein aus Saudi-Arabien sollen sich etwa 3000 Extremisten auf den Weg nach Bagdad gemacht haben.

Gegen wen richten sich die Anschläge? Kurz gesagt: gegen jeden. Die Ziele der Guerilla beschränken sich nicht etwa auf westliche Einrichtungen. Auch die jordanische Botschaft wurde gesprengt, die Sabotage der Strom- und Wasserversorgung trifft in erster Linie die Zivilbevölkerung. Weil die Amerikaner als Besatzungsmacht im Prinzip für alles verantwortlich sind, kann ihnen auch alles, was schief läuft, in die Schuhe geschoben werden. Darauf setzt die Guerilla. Viele Iraker sind froh, dass Saddam Hussein gestürzt wurde. Aber die Zahl derer, die zornig sind über die neuen Zustände, wächst bedrohlich. War nicht früher manches besser? Es gab keine Plünderungen, doch dafür Wasser und Strom. Die meisten Iraker interessieren sich kaum für Massenvernichtungswaffen, Osama bin Laden oder die Neuordnung des Nahen Ostens. Sie wollen einfach nur in Sicherheit und Freiheit leben. Falls die Amerikaner ihnen das nicht bieten können, gedeiht die Sehnsucht nach der alten, grausamen Stabilität.

Die US-Regierung hat die Herausforderungen, vor denen sie im Nachkriegs- Irak steht, fahrlässig unterschätzt. Das rächt sich jetzt. Falls der Wiederaufbau des Landes scheitert, hätte sich auch das letzte legitimatorische Moment des Krieges – die Befreiung eines Volkes – als Farce entpuppt. Vielleicht hat der Anschlag auf das UN-Hauptquartier Washington ja wachgerüttelt. Ein „Weiter so“ ist jedenfalls keine Option. Entweder muss die Bush-Regierung, trotz der gewaltigen Kosten, ihr Truppenkontingent im Irak erheblich erhöhen. Oder sie muss ihre Vorbehalte gegen den UN- Sicherheitsrat aufgeben, ein neues Mandat anstreben und die Besetzung internationalisieren. Amerika kann sich vieles leisten, nur eines nicht: dass durch Trotz und Unvermögen der Glaube an eine bessere Welt restlos zerfällt.

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