Politik : „Amerika flirtete mit der Hegemonie“

Robert von Rimscha

Berlin - Wenn Henry Kissinger spricht, wird zugehört. So lauschten auch Richard von Weizsäcker, Hans-Dietrich Genscher und Gastgeber Roland Koch: Sie alle saßen am Mittwoch in der ersten Reihe vor dem Ex-US-Außenminister. Der lehnte es zwar strikt ab, sich in den US-Präsidentschaftswahlkampf einzumischen. Und hatte doch eine klare Botschaft für sein Berliner Publikum.

„Amerika hatte seinen Flirt mit der Hegemonie; und Europa hatte seinen Flirt mit moralischer Selbstgerechtigkeit“, bilanzierte Kissinger die transatlantischen Verwerfungen der vergangenen Jahre. Der Zwist um Washingtons Unilateralismus sei „ein Thema der Vergangenheit“. George W. Bush strebe nicht – und da fügt Kissinger ein fragendes „nicht länger?“ ein – die Stellung einer Imperialmacht an.

Dass der Irak aus US-Sicht nur ein Kapitel im Buch des Kampfes gegen den Terror sei: So lautete Kissingers Botschaft. Jetzt müssten sich Amerikaner und Europäer dringend über Ziele und Instrumente einer gemeinsamen Agenda verständigen. Denn an das gewachsene Europa und an das vereinigte Deutschland stelle sich die Frage: Was tut ihr mit der neuen Macht? Was wollt ihr? „Der Zweck Europas muss etwas anderes sein als Widerstand gegen die USA!“ Kissinger, Realpolitiker und Jongleur der Koexistenz im Kalten Krieg, klang idealistisch bei seinem Vortrag im Rahmen der neuen „Brentano Lectures“. Berlin mystifiziere die UN und übersehe, dass „alles am internationalen System im Fluss ist“. Neue, gemeinsame Träume seien nötig, „denn Zyniker bauen keine Kathedralen“.

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