Politik : Amerika-Gipfel in Quebec: Tränengas bis nach Mitternacht

Carter Dougherty

Sie wollten das, was sie ihren Sieg von Seattle nennen, wiederholen. Die gewalttätigen Demonstranten von Quebec wollten einen Handelsgipfel sprengen. Eine Zeitlang sah es so aus, als könnten sie ihr Ziel erreichen - stundenlang roch die kanadische Hauptstadt zum Auftakt des Amerika-Gipfels nach Tränengas, bis nach Mitternacht standen Nebelschwaden über der Stadt. Die Ausschreitungen zwangen die kanadischen Gastgeber schließlich auch, die Eröffnungszeremonien um rund 90 Minuten zu verschieben, US-Präsident Bush musste ein Treffen mit Karibik-Ländern absagen.

1999 war es den Globalisierungsgegnern gelungen, eine Ministerrunde der Welthandelsorganisation lahmzulegen. Darauf hatten sich die Sicherheitskräfte vorbereitet, 6000 Beamte waren im Einsatz. Ganz ohne Probleme wurden sie mit den rund 500 schwarz gekleideten Demonstranten allerdings nicht fertig. Als die gewalttätigen Gipfelgegner am Freitag losschlugen, gelang es ihnen, einen Teil des fünf Kilometer langen Sicherheitszauns einzureißen, der das Tagungsgelände umgibt. Sie bewarfen die Polizisten mit Steinen, Eishockey-Pucks und einigen Molotow-Cocktails.

Die Sicherheitsbeamten reagierten prompt, sie sperrten die Gegend ab - und antworteten mit Hunderten Patronen Tränengas, um die Demonstranten auf Abstand zu halten. Wasserwerfer wurden eingesetzt. Dennoch gelang es den Gegnern, einen Teil der Absperrung zu zerstören. Es habe aber keiner von ihnen in den Sicherheitsbereich vordringen können, sagte ein Polizeisprecher. Drei Stunden lang lieferten sich Polizei und Demonstranten eine Schlacht. "Ich konnte nur viel Tränengas sehen", beschrieb die kanadische Professorin Amy Rossiter ihren Eindruck. "Aber was kann man erwarten? Dieser Zaun provoziert uns alle", war sie um eine Erklärung bemüht.

Mit Einbruch der Dunkelheit wurde es rund ums Tagungszentrum ruhiger. Einige Demonstranten steckten am Zaun aber noch Papierrollen in Brand. Stunden später hingen Rauch- und Tränengaswolken über der Stadt. 100 Personen wurden nach Polizeiangaben verhaftet, fünf Beamte verletzt. Am Samstag wartete die Polizei nicht, bis etwas passierte. Die Beamten setzten vorsorglich bereits am Nachmittag wieder Tränengas ein.

Viele junge Demonstranten waren vor allem gekommen, um sich die Krawalle anzuschauen. Fast feierlich mutete die Atmosphäre unter den jungen Leuten an, die wie eine große Bewegung jetzt bei fast jedem internationalen Treffen anzutreffen sind. "Ich bin sofort gekommen, als ich davon im Radio erfahren habe", sagte Jack, ein Student aus Toronto.

Die spektakuläre Aktion, die das Treffen der Staatschefs verzögerte, geht auf das Konto extremer Vertreter der Antiglobalisierungsbewegung. Sie hatten vor dem Gipfel zu einem harten Vorgehen gegen die Sicherheitskräfte aufgerufen. Anarchistische Gruppen aus Montreal hatten sich vor Wochen als Wortführer an ihre Spitze gesetzt. Der kanadische Aktivist Jaggi Singh, der Anführer der sich als Anti-Kapitalisten verstehenden Gruppe CLAC, war in den letzten Monaten im Land zu einem Prominenten der besondern Art geworden - nun war er einer der ersten, der verhaftet wurde. Der Großteil der Demonstranten aber sind Umweltschützer und Menschenrechtsaktivisten. Die Polizei rechnete mit bis zu 20 000 Protestierenden zum Gipfel, der am heutigen Sonntag zu Ende geht. 500 von ihnen bestimmten zum Auftakt das Gesicht des Protests.

Einen Fürsprecher fanden die Demonstranten in Fidel Castro. Er verurteilte den Polizeieinsatz. Kuba sei das einzige Land der Amerikas, das noch keine Demokratie sei, begründete US-Präsident Bush, warum dessen Präsident als einziger Staatschef der Region nicht eingeladen war.

Kanadas Premier Jean Chretien machte in seiner Eröffnungsrede eine kleine Minderheit sonst friedlicher Demonstranten für die Gewalt verantwortlich. Der mexikanische Präsident Vicente Fox kritisierte die Proteste scharf: "Es ist einfach, zu protestieren, wenn man einen Job und zu essen auf dem Tisch hat."

Der Freihandel sei ein Mittel zur Bekämpfung der Armut, sagte Fox beim Treffen im Kongresszentrum. Dort, rund 500 Meter von den Krawallen entfernt, feierten die 34 Staatschefs aus den beiden Amerikas ihr historisches Projekt, eine Freihandelszone zwischen Alaska und Argentinien zu errichten. Bis 2005 wollen sie ihr Ziel erreicht haben. Dann soll die so genannte FTAA (Free Trade Area of the Americas) allen Völkern in Nord- und Südamerika einen besseren Lebensstandard sichern, sagte Chretien.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar