Politik : „Amerika plant Erstschlag gegen uns“

Nordkoreas Botschafter über den drohenden Krieg mit den USA und das Atomwaffenprogramm

Ch. von Marschall[M. Meisner],R. von Rimscha

Von Ch. von Marschall,

M. Meisner und R. von Rimscha

Hat Nordkorea Atomwaffen oder nicht? Auf die Frage, die die Welt derzeit ebenso in Atem hält wie Saddam Hussein, gibt Nordkoreas Botschafter in Berlin, Pak Hyon Bo, im zweistündigen Gespräch mit dem Tagesspiegel keine eindeutige Antwort. „Das behaupten die USA seit dem Besuch ihres Sondergesandten James Kelly im Oktober, obwohl sie keine Beweise haben.“ Sein Land habe nur erklärt, „wir behalten uns das Recht vor, Atomwaffen zu besitzen“, nachdem Amerika „alle Paragrafen des Abkommens von 1994 gebrochen“ habe. Darin verzichtet Nordkorea im Gegenzug für die Lieferung von Energie und zwei Leichtwasserreaktoren auf Entwicklung und Besitz von Nuklearwaffen. Auch auf Nachfragen bleibt er bei seinem zweideutigen „Die USA haben diesen Satz so interpretiert.“ Und was ist die Wahrheit? „Dazu haben wir keine Erklärung.“

Andererseits behauptet Pak, Nordkorea habe sich „bis heute an jeden Punkt des Abkommens gehalten“ – was, wenn es stimmt, hieße, dass Pjöngjang Atomwaffen weder besitzt noch heimlich entwickelt. Amerika sagt das Gegenteil – unter Berufung auf nordkoreanische Angaben. Rhetorisch überschreitet Nordkorea rasch die Schwelle zum Krieg. Eventuelle Wirtschaftssanktionen Amerikas gegen Nordkoreas Nuklearprogramm „bedeuten Krieg, und der Krieg kennt keine Gnade“, wettert Pjöngjang am Dienstag. Der Botschafter geht noch weiter: „Die USA planen einen atomaren Erstschlag gegen uns.“ Wirklich? Natürlich habe auch er gehört, dass Amerika den Konflikt friedlich beilegen wolle. Aber wie solle Nordkorea das glauben – wenn Washington doch den geforderten Nichtangriffspakt verweigere.

Das ist das strategische Ziel, es taucht in jedem der Kommuniqués auf, die Pak in einer Mappe vor sich liegen hat und endlos vorträgt: direkte Verhandlungen mit Amerika. „Ohne Dialog gibt es keine friedliche Lösung.“ Vermittlung durch andere Staaten oder die Internationale Atomenergiebehörde ist nicht erwünscht, „Internationalisierung“ ein weiterer schwerer Vorwurf gegen die USA. „Das ist eine bilaterale Frage.“

Recht offen spricht Pak über die „sehr schlechte Versorgungslage“, veraltete Kohlekraftwerke, Unterernährung der Kinder und der Alten. Dass es viele Hungertote gibt, bestreitet er nicht, er kenne nicht die genaue Zahl. Die deutsche Einheit sei „für Nordkorea kein Modell“, es müssten „die Wünsche der Nation berücksichtigt“ werden. Zur Rolle Südkoreas sagt er nur: „Es ist wichtig, dass die anti-amerikanische Stimmung dort wächst.“

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