Politik : Amerika verdient es besser

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Es war anders in New Orleans. Das Leben war gut. Die Uhren tickten langsamer, die Menschen lachten leichter, liebten, küssten, fühlten Freude. Musik lag in der Luft. Keine andere Stadt war so sehr ihre Heimat, Heimat der Musik der Schwarzen, wie diese. Sie haben Fats Domino vom Dach seines Hauses gerettet! Und Wynton Marsalis hat geweint.

In dieser Stadt schien die Schlacht gegen die Rassendiskriminierung gewonnen zu sein. Die DillardUniversität, die Xavier – eine herausragende Ausbildung brachte Schwarze auf alle Ebenen des öffentlichen Lebens, der Politik. Kennt noch jemand Andrew Young? Er war Carters UN-Botschafter. Eine für jedermann sichtbare Mittelklasse entwickelte sich, im Süden der USA, down South, wo sie lange ganz unten waren. Diese Stadt entwickelte sich. Ganz allmählich, weil das Leben ein langer Fluss ist. Sie war etwas besonderes.

George Walker Bush hat nichts davon verstanden.

Der Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, hat nicht sein Haupt gebeugt, weil der Präsident kam. Er hat es gebeugt vor Trauer und Wut. Er hat dem Präsidenten, als der nach Tagen – traumatisch langen, dramatisch untätig verbrachten Tagen – endlich kam, seine Meinung gesagt. Die Wahrheit. Und die ist: Dieser Präsident hat in den Stunden der Not versagt.

Was für ein Mensch. Er hat ein Geschäftsdinner in San Diego vorgezogen. Er hat Gitarre spielen auf der Ranch vorgezogen. Er hat seine Ruhe vorgezogen – bis er endlich den Hintern hochbekam, wie Ray Nagin sagen würde. Bis er in die überfluteten Gebiete kam, um später als die meisten zu erfahren, wie es steht. Oder genauer: Was alles nicht mehr steht, um was es jetzt eigentlich geht. Das Briefing für ihn, im Fernsehen übertragen, war nichts Neues. Außer für ihn. Und was hat er nicht alles gesagt. Dass er sich freue, die Menschen zu besuchen; dass er den Helfern danke, deren Anstrengungen er dann in einem Atemzug inakzeptabel nannte. Jetzt war er wieder da. Hat Menschen besucht, von denen viele noch schliefen. Hat Menschen umarmt, die ihm in den Weg liefen. Er kam zu spät, um wirkungsvoll direkt mit seiner ganzen Autorität über die Parteigrenzen hinweg zu helfen – er hätte früher kommen müssen. Er hätte anders reden müssen, entscheiden, anweisen, Hoffnung geben. Er hätte bleiben sollen. Denn wo er ist, kann er regieren. Wo der Präsident ist, schlägt Amerikas Herz.

Hat George Walker Bush das nicht verstanden?

Mit der Bilderflut kommt der Sturm der Entrüstung. Die Schwarzen, aber nicht nur sie und nicht nur radikale, stellen sich die Frage, ob die schleppende Hilfe versteckter Rassismus ist. Ob es nur Zufall ist, dass Schwarze, die alles verloren haben und sich in Plastiktüten Essen aufbewahren, als Plünderer gezeigt werden. Dass auf sie geschossen werden darf, wie der sonst so witzige schwarze Rapper Kanye West öffentlich bitter und laut beklagte – und dafür vom Fernsehen aus der Aufzeichnung einer Spendengala herausgeschnitten wurde.

Von New Orleans ausgehend kann das ganze Land unruhig werden. Es kann überflutet werden von einem Problem, das nicht nur der Norden endlich überwinden wollte. Die Stadt wieder aufzubauen ist das eine, das Vertrauen das andere, Größere. Vielleicht zu groß für Bush.

Die Präsidenten George Bush senior und Bill Clinton haben sich eingeschaltet. Das wird George Walker Bush hoffentlich verstehen.

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