Politik : Amerika zweifelt

Krieg im Irak: Die Mehrheit glaubt Bushs Warnungen nicht mehr

Malte Lehming[Washington]

Der Trend ist deutlich. Immer mehr Amerikaner runzeln über die Lage im Irak die Stirn. Eine Mehrheit meint, dass der Wiederaufbau des Landes nicht gut vorankommt. Fast zwei Drittel sind der Ansicht, nicht die USA, sondern die Vereinten Nationen sollten die Verantwortung übernehmen. Mit der Amtsführung von Präsident George W. Bush waren im April noch 71 Prozent zufrieden, inzwischen sind es 61 Prozent. Und zum ersten Mal glaubt eine Mehrheit, dass es die Regierung in Washington „mit der Wahrheit nicht allzu genau“ genommen hat, als sie vor den irakischen Massenvernichtungswaffen warnte.

Die wurden bis heute nicht gefunden. Allerdings fühlen sich die Amerikaner nicht belogen. Nur zehn Prozent glauben, es seien absichtlich falsche Beweise vorgelegt worden. Dennoch hat das „Wall Street Journal“ am Mittwoch einen Begriff für den Stimmungswechsel geprägt: den „Postwar Blues“.

Insbesondere das Pentagon befindet sich bei der Frage nach den atomaren, biologischen und chemischen Waffen des Irak in der Defensive. Von dort waren vor dem Krieg die härtesten Anschuldigungen gekommen. Jetzt ist man dort ziemlich kleinlaut geworden. Statt der Waffen selbst werden bloß noch vermeintliche Waffenprogramme in den Mittelpunkt gerückt. Hochrangige Militärs rudern bereits zurück. Geheimdienstinformationen seien nicht mit der Wahrheit oder mit Fakten zu verwechseln, räumte Generalstabschef Richard Myers in der vergangenen Woche ein. Noch weiter ging der künftige Oberbefehlshaber der US-Truppen im Nahen Osten. John Abizaid. Das Geheimdienstmaterial, sagte er, sei „auf eine beunruhigende Weise unvollständig“ gewesen.

In dieses Bild passt, was die „Washington Post“ am vergangenen Sonntag enthüllte. Sie erinnerte an die berühmte Beweis-Präsentation von Außenminister Colin Powell am 5. Februar vor dem UN-Sicherheitsrat. Unter anderem hatte Powell ein abgehörtes Gespräch zwischen dem Hauptquartier der Republikanischen Garden in Bagdad und einem irakischen Offizier vom 30. Januar zitiert. Damit sollten die Vertuschungsversuche des Regimes belegt werden. Den entscheidenden Befehl übersetzte Powell mit der Formulierung, der Offizier solle die Gegend „säubern“. Im Original jedoch ist lediglich von „inspizieren“ die Rede. Außerdem ergänzte Powell einen wichtigen Satz – „Sorge dafür, dass es dort nichts mehr gibt“ –, der sich nirgendwo in der Original-Abschrift findet. Der „Postwar Blues“ der Amerikaner könnte sich in die Länge ziehen.

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