Politik : Amerikas Juden fürchten neuen Antisemitismus

Das American Jewish Committee wird 100 – und sieht in Berlin einen wichtigen Partner

Christoph von Marschall[Washington]

Berlin war der Ort, an dem der Holocaust geplant wurde. Heute ist Berlin für das American Jewish Committee (AJC) ein „exzellenter Partner“ und „wichtiger Verbündeter bei der Kontrolle des Antisemitismus in Europa“, sagt Rabbi Andrew Baker, Direktor für internationale Beziehungen, im Gespräch mit dem Tagesspiegel. So eng ist die Partnerschaft, dass die Bundesaußenminister und Kanzler bei ihren USA-Reisen in der Regel beim AJC in New York vorbeischauen, auch Frank-Walter Steinmeier bei seinem Antrittsbesuch Ende November. Angela Merkel wird am 4. Mai beim Festakt zum 100. Geburtstag der „ältesten humanitären Organisation der USA“ Ehrengast sein.

Auch der Reigen der Jubiläumsveranstaltungen beginnt in Berlin: mit einer Pressekonferenz heute und dem „Governors Dinner“ am Mittwoch, bei dem Steinmeier die Festrede hält. Die enge Verbindung zu Deutschland wurde nicht erst aus der Verantwortung für den Holocaust geboren. Sie ist viel älter. Es waren jüdische Einwanderer aus Deutschland, die 1906 das AJC gründeten – aus Sorge über eine Pogromwelle in Russland. An der Zielrichtung hat sich seit damals nichts geändert: „Der beste Weg, Juden weltweit vor Verfolgung zu schützen, ist die Förderung von Demokratie, Pluralismus und Zivilgesellschaft.“ Also erhebt das AJC seine Stimme, wenn Minderheiten diskriminiert und Menschenrechte missachtet werden.

Auch auf Rückfragen fällt dem 56-jährigen Rabbi Baker „kein Gebiet“ ein, „auf dem wir Meinungsverschiedenheiten mit Deutschland haben“. Das AJC begrüßt die Einwanderung russischer Juden, „das stärkt die Gemeinden in Deutschland“. Auch in der Debatte mit Israel, das diese Juden zu sich ins Land holen möchte, hält es das American Jewish Committee wie Berlin: „Juden sind frei, dorthin zu gehen, wo sie leben wollen.“ Baker warnt vor einer „neuen Welle des Antisemitismus in Europa“. Den Sturz des Kommunismus begrüßt er, aber in manchen Ländern wie Lettland, Litauen oder Rumänien fehle es an kritischer Aufarbeitung der nationalen Geschichte. „Ich sehe die Fortschritte, aber es bleibt noch viel zu tun.“ Mit der russischen Regierung sei man in Kontakt, soeben war der Moskauer Außenminister Sergej Lawrow in New York. Es entstehen wieder jüdische Gemeinden, aber die Entwicklung sieht das AJC mit Sorge: „Moskau geht gegen NGOs (Nichtregierungsorganisationen) vor. Es tut nichts gegen Irans Streben nach Atomwaffen, die auf Israel gerichtet sein werden. Und der Kreml umwirbt die Hamas, eine Terrororganisation.“

„Unser Jubiläum fällt in traurige Umstände“, sagt Baker beim Blick auf die Lage im Nahen Osten. „Bis zu Premier Scharons schwerer Krankheit sah alles nach Fortschritten auf dem Weg zum Frieden aus. Israel zog aus Gaza ab, die Zwei-Staaten-Lösung war greifbar nahe.“ Er hofft auf einen Sieg der von Scharon gegründeten Kadima-Partei am 28. März, „damit Ehud Olmert den Friedenskurs fortsetzen kann“. Der Wahlsieg der Hamas in den Palästinensergebieten mache das freilich schwer. „Die Welt muss an den drei Bedingungen für Kooperation mit einer Hamas-Regierung festhalten: Anerkennung Israels, Aufgabe des Terrors, Anerkennung der bisherigen Verträge.“ Viele in Europa wackeln, das bereitet dem AJC Sorgen, auf Deutschland aber sei Verlass. Eine Illusion sei es, dass Kompromissbereitschaft den Pragmatikern bei der Hamas helfe. „Im Gegenteil, Nachgiebigkeit stärkt nur die Hardliner dort.“

Und wieder kommt Baker auf Berlin zu sprechen. Das AJC-Büro in der wiedervereinigten Stadt sei „voller Leben, der Pfeiler unserer Arbeit in Europa“. Alle Führungsfiguren des American Jewish Committee seien durch Austauschprogramme mit Deutschland geprägt. „Berlin ist heute der strategische Partner für Israel und die atlantischen Beziehungen.“

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