• Amnestie für Terroristen: Die Massenmörder werden zuletzt entlassen - Friedensprozess in Nordirland vor dem Abschluss

Politik : Amnestie für Terroristen: Die Massenmörder werden zuletzt entlassen - Friedensprozess in Nordirland vor dem Abschluss

Martin Alioth

Der am schwersten verdauliche Teil des nordirischen Friedensprozesses nähert sich seinem Ende: Morgen werden die letzten Häftlinge der verbotenen Untergrundorganisation IRA sowie anderer katholischer und protestantischer Terrorgruppen ihre Zellen im berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis Maze verlassen. Die im Friedensabkommen vor gut zwei Jahren vereinbarte vorzeitige Entlassung aller paramilitärischen Häftlinge ist damit beendet. Die Entlassungen begannen schon kurz nach dem Karfreitagsabkommen, aber die Behörden haben sich die gefährlichsten Massenmörder bis zum Schluss aufgespart.

Anfangs dieser Woche wurde Michael Stone von seinen Verehrern bejubelt, als er seine lebenslängliche Haftstrafe für sechs Morde an Katholiken vorzeitig abschloss. Stone hatte 1988 einen Leichenzug für drei von britischen Sondereinheiten in Gibraltar erschossene IRA-Leute angegriffen und dabei drei Männer getötet. Morgen wird auch Torrens Knight wieder auf freien Fuß gesetzt - er hatte 1993 sieben völlig ahnungslose Katholiken in einer Bar erschossen.

Wenige Tage vor diesem Attentat hatte die IRA neun Kunden in einem Fischladen an der protestantischen Belfaster Shankill Road in die Luft gesprengt. Auch der Täter von damals kommt jetzt frei. Ebenso der IRA-Bombenleger, der das Londoner Finanzviertel 1996 in Trümmer verwandelte.

Die H-förmigen Zellenblöcke des Maze-Gefängnisses - besser unter dem Namen der alten Internierungslagers Long Kesh bekannt - werden nächste Woche nur noch 16 Insassen aufweisen, und die sollen bald anderswo untergebracht werden. Sie gehören winzigen Splittergruppen an oder wurden nach erst nach dem Friedensabkommen verurteilt. Das Schicksal des Maze bleibt ungewiss: Museum oder Gedenkstätte? Sicher ist, dass der hässliche Gebäudekomplex eine zentrale Rolle im dreissigjährigen Konflikt spielte. Als Schauplatz der IRA-Hungerstreiks wurde Long Kesh zum Brennpunkt, und in den Zellen wurde mancher Bombenleger zum Friedenspolitiker.

Doch für viele Nordiren ist die faktische Generalamnestie ein zu hoher Preis für eine möglicherweise friedliche Zukunft. Sie verweisen auf den Unwillen der Untergrundverbände, ihre Waffenlager zu liquidieren. Der britische Nordirlandminister Peter Mandelson bezeichnete die Entlassungen diese Woche als "notwendigen, wenn auch schmerzhaften Teil des Friedensprozesses". Gleichzeitig bestätigte er die Namensänderung für die nordirische Polizei und Abfindungssummen für überzählige Beamte. Allein im Gefängnissektor werden dieses Jahr tausend Wärter in Frührente gehen.

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