Politik : Amoklauf

Patricia Wolf

Es gibt Mütter, die lieben ihre Kinder nicht so wie andere. Eva zum Beispiel. Sie mochte ihren Sohn Kevin vom ersten Tag an nicht. Raubte er ihr nicht schon während der Schwangerschaft alles, was sie bisher am Leben liebte? Das Glas Wein am Abend, ihren Beruf als Verlegerin, die Zweisamkeit mit ihrem Mann Franklin. Nun steht Eva vor den Trümmern ihres Lebens, nachdem Kevin, knapp 16, auf seiner Highschool ein Massaker angerichtet hat. Kein Amoklauf: Die Tat war mit chirurgischer Präzision geplant – ein Mord mit kaltem Herzen an sieben Mitschülern und zwei Erwachsenen.

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Und dennoch: schien nicht immer schon diese Wut in Kevin zu brennen? Hat Evas Ablehnung ihn zum Monster gemacht? Eva stellt sich viele Fragen, in Briefen, in denen sie Rechenschaft ablegt bis zum zweiten Jahrestag der Morde, an dem sie Kevin in der Haftanstalt besucht. Doch sie schreibt die Briefe auch, um ihren Mann anzuklagen – ein unbeirrbarer Optimist, blind für die Grausamkeit seines Sohns.

Lionel Shriver, die für ihren Roman den Orange-Preis bekam, verknüpft diese Fragen mit der Auseinandersetzung über gesellschaftliche Erwartungen an Eltern- und vor allem Mutterschaft, die Rolle der Medien und die Aufgabe von Familie. Die Antwort auf das große Warum verweigert sie uns. Was würde es auch nützen? Am Ende schreibt Eva, dass sie ihren Sohn liebt. Warum?

Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden. Roman. Aus dem Amerikanischen von Christine Frick-Gerke und Gesine Strempel. List Verlag, Berlin. 560 S., 19,95 €.

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