Politik : An der Kippe

Die Zahl der Drogentoten sinkt – aber immer mehr Menschen sterben durch Alkohol und Nikotin

Deike Diening

Völlig legal lässt sich erwerben, was Marion Casper-Merk in ihrem diesjährigen Drogenbericht für die größte gesellschaftliche Gefahr hält: Nikotin und Alkohol. „Kampftrinken scheint wieder angesagt zu sein“, stellt die Drogenbeauftrage der Bundesregierung fest. Sich gezielt „voll laufen zu lassen“, mit dem Ziel, möglichst schnell betrunken zu werden und einen Rausch zu erreichen, das kennt man aus den Ritualen an amerikanischen Colleges. Deren Begriff des „Binge Drinking“ hat das Ministerium für diesen Trend übernommen.

Bei den illegalen Drogen hat sich die Situation weiter entspannt. Schon im letzten Jahr gab es einen Rückgang der Zahl der an illegalen Drogen zu Tode gekommenen um etwa 10 Prozent. In diesem Jahr ist sie noch einmal um 17,5 Prozent auf nun 1513 Fälle gesunken. Auch die Ecstasy-Todesfälle sind zurückgegangen. Das Ministerum führt das darauf zurück, dass die eigenen Maßnahmen greifen: seit 1999 habe die Zahl der Entwöhnungsbehandlungen um 12 Prozent zugenommen. Die Behandlung von Süchten, sei mit 11 000 Euro für die Gesellschaft sehr viel günstiger als zum Beispiel eine Frühberentung, die mit 100 000 Euro zu Buche schlägt. Das ist die gute Nachricht.

Für alarmierend hält Caspers-Merk dagegen die Zahlen zu den „Alltagssüchten“ bei legalen Drogen wie Alkohol, Nikotin und Medikamenten. 40 000 Menschen sterben jährlich an den Folgen ihres Alkoholkonsums, über 50 000 alkoholkranke Menschen werden behandelt, als abhängig gelten über 1,2 Millionen. Das Trinken als Extremerfahrung, habe unter jungen Leuten erschreckend zugenommen. Ein ganz neues Problem seien die so genannten „Alkopops“, die Dosenmischgetränke, deren Süße den Alkohol überdeckt. Jugendliche können so nicht einschätzen, wie viel Alkohol sie tatsächlich zu sich nehmen.

Bei der Gruppe von 16,7 Millionen deutschen Tabakkonsumenten löst sich jährlich die gute Gesundheit von 110 000 Menschen in Rauch auf: so viele sterben an „tabakbedingten Krankheiten“. Als Ziel setze sich deshalb die Regierung, die Raucherquote bei Jugendlichen von 28 auf 20 Prozent zu senken. Dabei werde besonders auf junge Frauen geachtet, deren Krebsrisiko sich versiebenfacht, wenn sie früh mit dem Rauchen beginnen. „Nichtrauchen als Normalfall“ soll zukünftig nach sich ziehen, dass in Lehrerzimmern und anderen öffentlichen Gebäuden nicht mehr geraucht wird. Ganze Klassen sollen sich – wie in einem Würzburger Modellprojekt – verpflichten, ein halbes Jahr nicht zu rauchen – Gruppendruck zum Nichtrauchen. Außerdem sollen Jugendliche in Urlaubsorten auf Alkohol angesprochen werden. Immer noch bewegt sich in Deutschland die Besteuerung von Tabak im europäischen Vergleich im unteren Drittel. „Preissignale“ hält Casper-Merk ebenfalls für einen wichtigen Teil des Antiraucherprogramms, aber über Konkretes muss noch verhandelt werden.

Die Staatssekretärin weiß selbst, dass sie sich mit ihren Forderungen auf umstrittenem Terrain bewegt. Sie kollidieren mit den Interessen anderer. Denn sobald das Gesundheitsministerium die Verringerung von Konsum und Werbung als ihr Ziel angibt, zuckt das Wirtschaftsministerium zusammen: die angeschlossenen Industrien der Werber, Schnapsbrenner und Tabakdreher drohen mit Entlassungen.

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