Politik : An der Mauer mit Stoiber Von Matthias Schlegel

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Heute vor 44 Jahren wurde die Mauer gebaut. Sie trennte eine Großstadt, eine Nation, tausende Familien, zwei Weltanschauungen. Sie sollte verhindern, dass die DDR ausblutete und ließ doch hunderte Fluchtwillige verbluten. Sie war eine Realität und eine Lüge, ein zeitgeschichtliches Monstrum und ein Anachronismus, ein Schauplatz von Weltgeschichte und von privaten Schicksalen. Sie war Anstoß geblieben und Gewohnheit geworden. Sie spitzte zu und hielt Balance. Sie war ein Widerspruch in sich.

Seit sie weg ist, spricht man gern von der „Mauer in den Köpfen“, die zwischen Ost und West noch immer da sei. Edmund Stoiber hat sie, ironischerweise kurz vor dem Jahrestag, wieder einmal sichtbar gemacht. Meinen zumindest die Ostdeutschen. Weil sie beleidigt sind über die Hochnäsigkeit des Bayern. Und weil ihnen ein kurzschlüssiges ProletarierErklärmuster des brandenburgischen Innenministers noch in den Gliedern steckt. So unterschiedlich die Ansätze, so gleichartig die Reflexe: Gilt die Attacke dem sensiblen Thema Herkunft, wächst in den neuen Ländern gefühlsmäßig zusammen, was nicht unbedingt zusammengehört: Über unterschiedliche politische Lager und Biografien hinweg schmiegen sie sich zur Solidargemeinschaft Ost zusammen. Solcher Kollektivgeist bezieht seine Dimension aus ganz unterschiedlichen Erfahrungen: Aus dem Selbstbewusstsein derer, die einst die Mauer eingedrückt und die bislang einzige geglückte Revolution in Deutschland vollbracht haben. Aus dem stillen Frust derer, die wissen, dass sie sich ihrer Lebensleistung nicht zu schämen brauchen und sich dessen doch nicht mehr so sicher sind. Und aus der geheuchelten Empörung derer, die Stoibers CSU und die CDU von Kohl und Merkel noch nie leiden konnten und sich nun heimlich freuen, in ihrer Abneigung bestätigt zu werden. In diesem Klima gegenseitigen Misstrauens wirkt eine Art Windchill-Effekt: Die gefühlte Beleidigung ist immer stärker als die tatsächliche.

Dabei verdient Stoibers rüpelhaftes Stammtisch-Gerede eigentlich die Aufgeregtheit nicht. Denn es ist erstens Wahlkampf, und zweitens ist es nicht neu. Und es artikuliert in bajuwarischer Konkretheit, was andere Westdeutsche, auch aus anderen Parteien, genauso sehen, aber selten öffentlich sagen: Der jammernde Osten verdient nicht, was er bekommt. Oder umgekehrt: Weil er so viel bekommt, sollte er nicht so viel jammern. Und in den neuen Ländern sind die Ressentiments und Klischees ebenfalls noch immer greifbar – vom ignoranten Wessi und einer westdeutsch dominierten Politik, die den Osten aufgegeben hat. Nur darüber reden wollen wir lieber nicht – weil wir immer den Aufschrei des anderen fürchten, und weil immer irgendwelche Politiker lieber gewählt werden wollen als offen zu reden. Solcher Umgang miteinander ist zur gesamtdeutschen Routine geworden.

Auch der CSU-Chef wird demnächst wieder von gemeinsamen Anstrengungen zur Rettung des Standorts Deutschland reden. Und spätestens am 3. Oktober vom Glücksfall deutsche Einheit. Die Mauer in den Köpfen ist wie die verschwundene Mauer aus Beton: ein Widerspruch in sich. Um sie einzureißen, muss man sie erkennen. Stoiber hat dazu beigetragen. Andere verbergen sie. Mehr Offenheit würde dem Wahlkampf gut tun. Er würde streitbarer, inhaltsreicher, konturierter. Wenn politische Korrektheit der Ehrlichkeit im Wege steht, ist etwas faul im Staate. Wenigstens diese Erkenntnis sollte Stoiber bewirkt haben.

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