Politik : An der Seite der Revolutionäre

Erdogan besucht die Länder des Arabischen Frühlings und bekräftigt den Führungsanspruch der Türkei

von
Der türkische Premier Erdogan stellt sich außenpolitisch neu auf: Die Allianz mit Israel ist beendet, die arabischen Umbruchländer umarmt er – und stärkt die Rolle der Türkei. Foto: dpa
Der türkische Premier Erdogan stellt sich außenpolitisch neu auf: Die Allianz mit Israel ist beendet, die arabischen Umbruchländer...Foto: dpa

Mit einer Rundreise durch drei Länder des Arabischen Frühlings will der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Anspruch seines Landes auf eine politische und wirtschaftliche Führungsrolle in der Region unterstreichen. Erdogans Reise nach Ägypten, Tunesien und Libyen, die am Montagabend in Kairo beginnen sollte, sei „historisch und strategisch“, erklärte Ömer Celik, ein enger Berater des Regierungschefs. Rund 200 türkische Unternehmer begleiten den Ministerpräsidenten, um Chancen für neue Geschäfte im Maghreb nach den politischen Umbrüchen zu sondieren. Auch der jüngste Streit mit Israel spielt bei der Reise eine Rolle. Ziel der Türken ist es, Israel in der Region so weit wie möglich zu isolieren.

Auf den geplanten Ausflug nach Gaza will Erdogan verzichten – aber aufgeschoben sei nicht aufgehoben, sagte er. Früher oder später werde er nach Gaza reisen, betonte der Ministerpräsident im arabischen Fernsehsender Al Dschasira. Ein Gaza-Besuch mit Einreise über Ägypten hätte die Krise mit Israel noch einmal dramatisch verschärft und war nach Presseberichten weder Erdogans ägyptischen Gastgebern noch dem Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas recht. Sie wollten mit Blick auf Israel nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen.

Vergangene Woche hatte Erdogan angekündigt, künftige Gaza-Hilfsflotten würden von türkischen Kriegsschiffen begleitet. Erdogans Regierung will Israel vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen und wirbt auch deshalb um Rückhalt in der Region. Zudem steht kommende Woche die Entscheidung über die Ausrufung eines Palästinenser-Staates an, ein Plan, der von der Türkei unterstützt, aber vom Westen abgelehnt wird.

Erdogan, der wegen seiner harten Haltung gegenüber Israel in Teilen des Nahen Ostens mittlerweile verehrt wird wie ein Popstar, könne mit einem Heldenempfang in Kairo rechnen, berichteten türkische Zeitungen stolz. In den vergangenen Monaten war die Türkei als muslimische Demokratie mit starker Wirtschaft häufig als Modell für die Zukunft der arabischen Länder nach dem Ende der Diktaturen genannt worden. Den Anspruch seines Landes auf eine regionale Rolle wird Erdogan in Kairo im Gespräch mit dem Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al Arabi, sowie in zwei Grundsatzreden betonen. Mit der Rundreise vollendet die Türkei eine Kurswende, die Ankara nicht immer leichtfiel. Lange hatte die Türkei an Diktaturen wie der des syrischen Präsidenten Baschar al Assad festgehalten und sich erst recht spät auf die veränderte Lage eingestellt. Nachdem seine Regierung den Arabischen Frühling fast verschlafen hatte, will Erdogan nun deutlich machen, dass die Unterstützung der Demokratie in der Region eine Priorität für die Türkei ist.

Erdogan-Berater Celik erklärte, bisher sei die Welt stillschweigend davon ausgegangen, dass es Regionen gebe, in denen die Demokratie einfach nicht Fuß fassen könne – das eigentlich Revolutionäre des Arabischen Frühlings liege darin, dass diese Annahme nun widerlegt werde, betonte Celik auf Twitter. In einem Interview der regierungsnahen Zeitung „Yeni Safak“ fügte er hinzu, in dieser historischen Umbruchsituation sei die Türkei das große Vorbild für die Region. Nie war Ankaras Selbstbewusstsein größer.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar