Politik : „An keinem Ort mehr sicher“

Unter den Israelis wächst die Angst vor Attentaten auch im Ausland. Und die eigenen Leute ermitteln in Kenia

C. Link[Kikambala],C. A. Landsmann[Tel Aviv]

Von C. Link, Kikambala, und

C. A. Landsmann, Tel Aviv

Nur zwei riesige Statuen – ein brüllender Löwe und ein Elefant – haben überlebt. Das Hotel „Paradise“ in Kikambala bei Mombasa ist weitgehend zerstört. Die Rezeption ist zusammengesackt, die Druckwelle hat alle Dächer weggefegt, die Fenster sind zu Bruch gegangen. Das Gelände, auf dem bei dem Anschlag am Donnerstag 16 Menschen starben, ist abgesperrt. Doch die Absperrbänder sind nicht in der Landessprache beschriftet, sondern auf Hebräisch. „Polizei Israels – Nicht betreten.“ 20 israelische Militärs, Polizisten, Ärzte und Physiker geben hier den Ton an, auch drei Amerikaner sind in der Ermittlungsgruppe. Israel hat vier Hercules-Transporter nach Kenia geschickt, die Ermittler und Material brachten und israelische Touristen ausflogen.

„Das Auto hatte eine ungeheuer schwere Sprengstoffladung“, sagt ein Physikprofessor der Universität von Jerusalem. Auf dem Eingangsplatz des „Paradise“ liegen zerknautscht eine Felge und ein Getriebeknäuel – die Reste des Selbstmordautos. Miravi Shaver vom Außenministerium Israels hatte schon die Spuren des Bombenanschlags auf die US-Botschaft in Nairobi 1998 inspiziert, jetzt sagt sie: „Das ist globaler Terror gegen die Welt. Wir müssen uns im Kampf dagegen einigen.“ Der Beschuss des Flugzeuges mit Raketen beweise, dass die Terroristen „aufgerüstet“ hätten. Eins der Projektile streifte das Flugzeug, ein zweites verfehlte es um einen Meter.

Kenias Polizei hat zwölf Personen unter dem Verdacht festgenommen, an dem Anschlag beteiligt gewesen zu sein – darunter einen Mann und eine Frau mit amerikanischen Pässen, die ein paar Tage vor dem Anschlag in einem Hotel in der Nachbarschaft des „Paradise“ gewohnt hatten und behaupteten, sie kämen aus Florida.

Erstmals seit langer Zeit sind israelische Staatsbürger im Ausland wieder Opfer eines Selbstmordkommandos geworden. Vor Ort, in Kikambala, sagt der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Gilado Millo: New York, Bali, Moskau und Mombasa – das sei immer das Gleiche, es seien Terroranschläge gegen die westlichen Demokratien. „Wir sind es in Israel gewohnt, ständig über die Schulter zu schauen. Jetzt müssen wir es auch im Ausland tun.“ Auch die israelische Zeitung „Maariv“ schrieb am Freitag: „Die Terror-Attacke in Mombasa hat bewiesen, dass es keinen sicheren Ort gibt. Die Gefahr droht an jeder Ecke.“ Früher hätten die drei Anschläge – auch in Israel war am Donnerstag ein Attentat verübt worden – massive Proteste gegen die Regierung ausgelöst. Doch der als Likud-Führer bestätigte Ariel Scharon sitzt fester im Sattel als zuvor.

Israels Geheimdienste Mossad und Shabak waren bereits vor längerem zu dem Schluss gekommen, dass erneut Anschläge gegen israelische Ziele nicht nur im Inland erfolgen würden. Der Doppelanschlag von Mombasa trägt offenbar die Handschrift der Al Qaida. Die bisher unbekannte „Armee von Palästina“, die sich zu den Taten bekannte, ist nach Ansicht von Experten nur ein Deckname für das Terrornetzwerk. Zudem gibt es Hinweise auf eine mögliche Kooperation von Al Qaida mit der vorwiegend im Libanon ansässigen Hisbollah. Die „Armee von Palästina“ verkündete ihre Täterschaft über den Fernsehsender der Hisbollah, „Al Manara“. Bereits in der Vergangenheit soll es eine Reihe von Begegnungen zwischen Repräsentanten beider Gruppen gegeben haben. Aus Afghanistan ist eine Al-Qaida-Gruppe in den Libanon geflüchtet. Sie hält sich im südlibanesischen Flüchtlingslager Ain Hilwe auf. Seither hat der Beschuss israelischer Aufklärungsflugzeuge über dem Südlibanon, aber auch gegen Zivilmaschinen in Nordisrael, durch tragbare Luftabwehrraketen massiv zugenommen. Diese Erkenntnisse hat der israelische Geheimdienst zusammengetragen.

Auch die Gefahr, dass Terroristen ein Flugzeug mit Raketen abschießen könnten, ist lange bekannt. Wegen der katastrophalen Auswirkungen für die Luftfahrtindustrie werde dies aber nicht öffentlich diskutiert, sagen Experten. Die Israelis versuchen aber schon seit Jahren, diese Gefahr mit Hilfe verdeckter Operationen an Flughäfen zu vermindern. Doch Geldmangel zwang sie, diese Präventivmaßnahmen drastisch einzuschränken oder ganz einzustellen. Dafür sind sie in der Entwicklung einer anderen Schutzmethode weltweit führend: El Al soll die einzige Fluggesellschaft weltweit sein, deren Maschinen über Raketenabwehrsysteme verfügen. Diese sollen auf das Flugzeug abgefeuerte Raketen ablenken. Derzeit wird in Israel ein neues Modell entwickelt, das aber erst in einigen Jahren einsatzfähig sein soll.

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