• Analyse der Brandenburg-Wahl - das Desaster der SPD trifft vor allem Manfred Stolpe. Nun wird er koalieren, taktieren und moderieren. Aber wie lange?

Politik : Analyse der Brandenburg-Wahl - das Desaster der SPD trifft vor allem Manfred Stolpe. Nun wird er koalieren, taktieren und moderieren. Aber wie lange?

Michael Mara,Thorsten Metzner

Als Manfred Stolpe um 11 Uhr in der Potsdamer Staatskanzlei mit ernster Miene vor die Journalisten tritt, gibt er sich gefasst. Vor sich ein kleiner Block, auf dem mit schwarzer Tinte in säuberlicher Handschrift knappe Notizen festgehalten sind. Es ist der Tag danach, der Tag, an dem CDU und PDS, aber auch die SPD in offiziellen und inoffiziellen Verlautbarungen die ersten Stellungen für die kommenden Koalitionsverhandlungen ausheben. Aber es ist für Manfred Stolpe auch der Tag, an dem nichts mehr so ist, wie es war. Die Brandenburger haben ihm nach der geplatzten Länderehe nun zum zweitenmal die Gefolgschaft verweigert, obwohl die Sozialdemokraten ihren gesamten Wahlkampf auf ihn und seine engste Mitstreiterin, die Sozialministerin Regine Hildebrandt, ausgerichtet hatten. "Es geht um Stolpe und Hildebrandt" - so war es den Wählern von der SPD in den vergangenen Wochen tagein, tagaus vorgebetet worden. Und nun: minus 15 Prozent. Das gab es noch nie in Deutschland. Und dieses Fiasko ausgerechnet im "Stolpe-Land".

Der märkische Regent, der über sich selbst am liebsten gar nicht spricht, der statt des Wortes "Ich" meist das unverbindliche "man" benutzt, findet am Tag danach für die persönliche Dimension dieser Niederlage nur zwei knappe Sätze: Er sei "traurig und enttäuscht". Und: "Die Integrationskraft von Stolpe und Hildebrandt hat nicht voll gegriffen." Natürlich, der Bundestrend. Dann erwähnt er noch, dass er in seinem Cottbuser Wahlkreis - einer CDU-regierten schwarzen Hochburg - mit 53 Prozent das Direktmandat geholt habe. Ein schwacher Trost. Vor fünf Jahren bekam er dort noch 65 Prozent. Aber es fällt auf, dass etwas fehlt in diesen Minuten: das selbst in kritischen Situationen bislang typische Stolpe-Lächeln.

Aber der Regierungschef war vorbereitet. Das katastrophale Ergebnis bei der Europawahl im Juni, das verheerende Echo nach Bekanntwerden der Kontakte seines Wunsch-Wirtschaftsministers Peter Egenter zum Schalck-Golodkowski-Imperium und auf die "ABM-Lüge" (Schönbohm) in seinem Brief an die Wähler, in dem er behauptet hatte, die CDU wolle die "Arbeitsförderung abschaffen und die Menschen ihrem Schicksal überlassen". Der "Vater des Brandenburger Weges", der Konsensmensch, der Wahlkämpfe und Parteienstreit verabscheut, war plötzlich nicht wiederzuerkennen. Schönbohm zwang ihn dazu, diese haarsträubende Behauptung im ORB-Fernsehduell quasi zurückzunehmen. Böse Omen in den letzten Tagen vor der Wahl, die nach dem Urteil der Wahlforscher entscheidend sind. Schon da dämpfte Stolpe, der ein feines Gespür für Stimmungen hat, die Erwartungen überschwänglicher Parteifreunde, die trotz ständig schwankender interner Umfragen die SPD im Aufwind wähnten.

In den Wochen zuvor, bei Wahlkampfauftritten landauf und landab, in der Prignitz, in der Lausitz, an der Oder, hatte der Regierungschef den Frust der Märker über Bundeskanzler Gerhard Schröder und die rot-grüne Regierung hautnah zu spüren bekommen. Nicht einmal ein Jahr ist es her, dass Stolpe dem Schröder-skeptischen Wahlvolk den smarten, im Osten nicht sonderlich beliebten SPD-Kanzlerkandidaten als Retter in der Not gepriesen hat. "Die Wahl ist im Osten entschieden worden", so SPD-Landeschef Steffen Reiche. Nun musste sich Stolpe von eben diesem Kanzler mehr oder weniger direkt abkanzeln lassen. Etwa auf dem Bauerntag in Cottbus: "Wenn dieser Ministerpräsident Ihnen Versprechungen macht, dann irrt er", sagte Schröder über Stolpe. Oder zuletzt: Kaum dass Stolpe moderate Nachbesserungen für Ost-Rentner gefordert hatte, mehr ein symbolischer Akt, kam die kalte Dusche aus dem Kanzleramt: "Keine Korrekturen am Sparpaket!"

Die Brandenburger müssen gespürt haben, dass der starke Alleinherrscher, der sich seit Anbeginn als Vorkämpfer für die Ost-Interessen sieht, neben diesem starken Kanzler plötzlich schwach, ja hilflos wirkte. "Kohl hat er kritisiert, Schröder nicht", warfen ihm Wähler vor. Kein Wunder, dass das "Urvertrauen" der Märker in den Landesvater litt, das Stolpe so gern beschwor. Den Begriff hatte er einst selbst geprägt, um das Phänomen zu erklären, warum er und seine Regierung trotz diverser Affären um Kadaver-Anlagen, Schaubäckereien, Gefängnisausbrüche und Untreue-Prozesse jahrelang traumhafte Umfragewerte bekamen. All das konnte ihm merkwürdigerweise nichts anhaben: Fürst Manfred schien unverletzbar, unangreifbar - seit er die Attacken wegen seiner Stasi-Kontakte überstanden hatte.

Damals, als seine Tage gezählt schienen, als sein Rücktritt gefordert wurde und der "Spiegel" an jedem Wochenende mit neuen Vorwürfen aufwartete, hat Stolpe es allen gezeigt. Er kämpfte, verknüpfte geschickt seine Biografie mit dem Schicksal der Ost-Deutschen. Das Ergebnis: 54 Prozent bei der Landtagswahl 1994. Das war der große Triumph des Manfred Stolpe, der im Grunde nie eine absolute Mehrheit wollte: "Wenn ich da so an meine Partei denke . . ." Sein langes Gesicht am Wahlabend 1994 sprach Bände. Doch mit diesem furiosen Sieg war der Landesvater, war der Stolpe-Mythos geboren. Selbst Ex-General Jörg Schönbohm, sein Herausforderer, wagte es nicht, ihn direkt ins Visier zu nehmen.

Aber warum hat Manfred Stolpe, obwohl so viel auf dem Spiel stand, vor dieser Wahl seinen Mythos nicht gegen Gerhard Schröder ausgespielt, so wie sein saarländischer Kollege Reinhard Klimmt, und sich stattdessen auf einen Widerstand der leisen Zwischentöne beschränkt? Darüber rätseln sogar Parteigenossen. Als das "Inforadio" ihn nach einem Interview mit der "Drohung" zitierte, Brandenburg werde im Bundesrat seine Zustimmung für das Sparpaket verweigern, folgte prompt das Dementi aus der Staatskanzlei. Von ihm selbst kam eine solche eindeutige Aussage nicht. Stattdessen mahnte er vage Präzisierungen an. Der frühere Kirchendiplomat und Wanderer zwischen den Welten hat, wie er es immer tut, auf Diplomatie gesetzt - und diesmal verloren.

Ist es der Anfang vom Ende seiner politischen Karriere, ist der Stolpe-Mythos gebrochen? Manche, auch in der SPD, sehen das so. Doch Vertraute, die ihn am Sonntag und Montag bei den Krisenrunden in der Staatskanzlei erlebt haben, warnen davor, diesen Mann zu unterschätzen. "Er kann jetzt wieder das tun, was ihm am meisten liegt - zwischen unterschiedlichen politischen Kräften moderieren." Und mit wem? Mit Jörg Schönbohm komme Stolpe rein menschlich bestimmt gut zurecht, heißt es. "Beide haben einen Hang zum Militär und zum Preußentum. Beide sind Pragmatiker. Das ist eine gute Grundlage." Hingegen könne er mit Lothar Bisky nicht so gut, obwohl dieser ihm einmal im Untersuchungsausschuss den Rücken freihielt. So sind denn mit Ausnahme von Regine Hildebrandt alle SPD-Größen überzeugt, dass - Sondierungsgespräche hin, Sondierungsgespräche her - letztlich alles auf eine Große Koalition hinauslaufen werde.

Aber es ist in der SPD auch aufmerksam registriert worden, dass Stolpe schon am Wahlabend bei der Wahlparty im Potsdamer Restaurant "Minsk" neben der Spitzenkandidatin Regine Hildebrandt den heimlichen Kronprinzen Matthias Platzeck auf die Bühne holte. Niemanden sonst. "Die Nachfolgefrage wird nach diesem Desaster beschleunigt", kommentiert ein SPD-Politiker. Schon am Sonntag-Nachmittag, beim Krisengipfel in der Staatskanzlei, war Platzeck auf ausdrücklichen Wunsch Stolpes dabei, was einige Neider hinterher mit spitzen Bemerkungen kommentierten.

Am Tag danach auf der Pressekonferenz in der Staatskanzlei regiert nicht mehr der Alleinherrscher, sondern der Taktiker, der Moderator, der Strippenzieher. Als die Journalisten ihn bedrängen, ob er lieber mit Schönbohm oder Bisky regieren wolle, weicht Stolpe aus. Kein Wort zu Personalien, kein Wort zur Ressort-Aufteilung, dafür Szenen eines Katz-und-Maus-Spiels. Zuerst Verunsicherung der CDU: Wie können Sie mit der PDS verhandeln, wo sie doch vor den Magdeburger und Schweriner Modellen gewarnt haben? - "Hier ist das anders!" - Warum? - "Die PDS ist einige Jahre weiter." Dann Verunsicherung der PDS: Nehmen Sie bei der Auswahl Ihres Koalitionspartners Rücksicht auf die Berliner Genossen, für die ein RotRotes-Bündnis in Potsdam kurz vor der Wahl des Abgeordnetenhauses ein Fiasko wäre? Stolpe: "Ich denke immer mit heißem Herzen an Berlin, das wir eines Tages nach Brandenburg holen wollen." Stolpe in seiner alten, neuen Rolle, am Tag danach.

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