• Analyse der Saarland-Wahl - trotzig schwingt die Saar-SPD die Faust gen Berlin, Gerhard Schröder ist der Sündenbock

Politik : Analyse der Saarland-Wahl - trotzig schwingt die Saar-SPD die Faust gen Berlin, Gerhard Schröder ist der Sündenbock

Carsten Germis

Jede Geste strafte seine Worte Lügen. "Gut geht es mir, sehr sogar", rief der saarländische Noch-Ministerpräsident Reinhard Klimmt den wartenden Journalisten zu, als er am Montagmorgen um kurz vor neun durch die Hintertür in den saarländischen Landtag kam. Mehr kam nicht über seine Lippen. Wortkarg auch die anderen Abgeordneten der SPD-Landtagsfraktion. Christiane Krajewski, die bisherige Wirtschafts- und Finanzministerin, die kein Mandat im neuen Landtag hat, wischte sich nur kurz über die geröteten Augen. "Ich geh da jetzt erstmal rein", sagt sie trotzig. Keine weitere Stellungnahme. Der Schock der Niederlage sitzt tief bei den Sozialdemokraten an der Saar.

Erst später, als Klimmt bereits auf dem Weg zur Sitzung des SPD-Bundesvorstands in Berlin ist, weist SPD-Fraktionschef Rainer Tabillion die Schuld an der Niederlage eindeutig zu: Bundeskanzler Gerhard Schröder und die Politik der rot-grünen Bundesregierung hätten die saarländische SPD "in allererster Linie" um den Sieg gebracht. Neben der umstrittenen Abkoppelung der Rentenerhöhung von den Nettolöhnen, die Klimmt stets kategorisch abgelehnt hat, wirft Tabillion dem SPD-Bundesvorsitzenden Schröder vor, die letzten Chancen mit der Personaldebatte über SPD-Bundesgeschäftsführer Ottmar Schreiner zerstört zu haben. "Das war fast schon böswillig" erzürnt sich Tabillion. Die Saarländer hätten den "Stimmzettel zum Strafzettel für die Bundesregierung gemacht", sagt der Fraktionschef.

Was wird nun aus Klimmt? Die Landtagsfraktion der SPD wird am kommenden Montag über ihre neue Führungsstruktur beraten. Tabillion deutet an, dass er bereit wäre, auf den Fraktionsvorsitz zu verzichten. "Die Priorität hat Klimmt", sagt er. Der müsse nun erklären, was er will. Auf jeden Fall werde die Landes-SPD an ihrem politischen Kurs und der Forderung festhalten, sozialer Gerechtigkeit einen höheren Stellenwert einzuräumen. Trotz der Niederlage sei die Abgrenzung von der Politik der Bundesregierung im Wahlkampf richtig gewesen. "Sehen Sie nach Brandenburg", sagen die Saar-Sozialdemokraten, "dort war der Einbruch der SPD noch viel katastrophaler." Für Tabillion und seine Fraktion ist das ein Argument, das eigene Profil "eher noch weiter zu schärfen". Und "Klimmt ist nicht so beschädigt, dass er nicht Symbolfigur dafür bleiben könnte", meint Tabillion.

Kurt Schoenen, Fraktionsvize der CDU, sieht das erwartungsgemäß etwas anders. "Die Doppelstrategie Klimmts ist nicht aufgegangen", sagt er und wiederholt genüsslich eine spöttische Bemerkung des Wahlsiegers Peter Müller vom Vorabend: "90 Prozent der Saarländer haben im Grunde gegen Bundeskanzler Schröder gestimmt", sagt er, "45,5 Prozent für die CDU und 44,4 Prozent für Klimmt, der seinen Wahlkampf gegen Schröder geführt hat."

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