Analyse der TV-Auftritte : Mutti Merkel gegen Pastor Steinmeier

Die Kanzlerin und ihr Herausforderer stehen vor einem wichtigen Wahlkampfereignis: Dem TV-Duell am Wochenende. Bei ihren Auftritten in der Wahlarena konnten sie schon einmal das Stimmen-Sammeln und Wähler-Überzeugen üben. Auf ihre jeweilige Art und Weise haben sich beide bislang gut geschlagen.

Gastbeitrag von Ulrich Sollmann
299051_0_2d212c58.jpg
Applaus für die Spitzenkandidaten! Wer den lautesten erhält, wird sich beim TV-Duell am Sonntag zeigen. -Montage: dpa

BerlinDie Auftritte von Merkel und Steinmeier in der ARD-Wahlarena können als Generalprobe für das TV-Duell am kommenden Sonntag angesehen werden. Beide haben in ihrem persönlichen Habitus gezeigt, wie man auf die Wähler zugeht, um zu überzeugen. Der Vergleich bestätigt, dass beide keine Charismatiker sind, zeigt aber sehr deutlich die unterschiedlichen Verhaltensstile.

Merkel nimmt direkt Kontakt zu den Menschen auf, bezieht sich auf deren Fragen und Nöte. Ihre Ansprache ist direkt und verständlich. So mancher kann das Gefühl bekommen, "die weiß wovon sie redet und die weiß, wo mein Schuh drückt". Man fühlt sich bei der Kanzlerin gut aufgehoben. Durch Ich-Aussagen unterstreicht sie ihre eigene Sichtweise oder ihre Überzeugung in Bezug auf ein abgegebenes Versprechen ("mit mir nicht", "ich war selber da"). Medien schreiben ihr daher eine "Mutti-Rolle" zu, in der sie sich wohl zu fühlen scheint. Und mit der sie offenbar auch Erfolg bei vielen Menschen hat. Ihr charmanter trockener Humor soll schließlich jede mögliche Gefahr im Keim ersticken.

299064_0_dc0a099f.jpg
Beobachtet die Kandidaten genau: Gastautor Ulrich Sollmann. -Foto: Marc-Steffen Unger

Rhetorisch zeigt sie jedoch auch eine andere Seite. Füllwörter wie "irgendwie…" oder Antworten wie "ich glaube, dass wir sagen…" relativieren die durch die "Mutti-Präsenz" suggerierte Sicherheit und Stärke. Körpersprachlich wirkt sie zudem in sich festgehalten und unsicher. So hält sie sich immer wieder am Stehpult fest, statt sich dem Fragenden körperlich direkt zuzuwenden. Wenn ihr offensichtlich nicht wohl zu Mute ist, wird ihre Mimik maskenhaft. Sie schluckt vielfach, bevor sie zu reden beginnt, saugt die Luft ein, ohne entsprechend auszuatmen. Sie bleibt somit in sich fest gehalten und reagiert, wenn sie eine Frage als Angriff erlebt, fast trotzig abwehrend mit schnippischer Stimme ("da haben wir eben zwei unterschiedliche "Überzeugungen").

Steinmeier zeigt pastorale Züge

Steinmeier signalisiert durch seine legere Haltung eine unaufdringliche Selbstsicherheit im Kontakt mit den Menschen. Sein ruhiger, konstanter Blickkontakt vermittelt Akzeptanz und subtile Distanz zugleich. Er bezieht sich konkret auf die Anliegen der Fragenden, weiß aber auch um die Notwendigkeit, diese immer in einem größeren Bezug zu sehen und zu werten. Auch auf die Gefahr hin, dass sein Gegenüber nicht unbedingt gleich zufrieden ist ("ich kann Ihren Ärger verstehen, aber ich kann Ihnen auch nichts vormachen"). Er zeigt dabei pastorale Züge, die eine gewisse Unaufdringlichkeit ausstrahlen.

 Rhetorisch irritiert seine oftmals verlangsamte Sprechweise, statt einfach auf den Punkt zu kommen. Die besondere Betonung am Satzanfang lässt auf einen jetzt folgenden Paukenschlag hoffen, der sich aber in zu langen Sätzen und Erläuterungen verliert. Das geht direkt auf Kosten seiner Wirkung von Souveränität. Und seine Mantra ähnliche Betonung ("ich kann das verstehen…") scheint beim dritten Mal eher den Blick des Gegenüber zu verdüstern als ihn zu einer Gemeinsamkeit einzuladen. Körpersprachlich wirkt er in sich sicher. Aber man merkt, dass er besonders bei "Angriffen" (z.B.Kurnaz-Frage) aufgewühlt kaum an sich halten kann. Er atmet dann schwer und prustet durch schmale Lippen stark kontrolliert, ohne jedoch seine Fassung zu verlieren.

Beide können beim TV-Duell noch punkten

Beide werden in vier Tagen das erste Mal im Duell aufeinander treffen. Dies stellt einen enormen Stress dar. Unter Stress greift man, wenn es subjektiv eng wird, unbewusst auf die alten Verhaltensmuster zurück. Sie dienen dazu, heil aus der stressigen Situation rauszukommen. Sie bergen jedoch auch starke Ressourcen, die es zu nutzen gilt, um zu überzeugen und zu punkten.

Merkel ist "im Kopf sicher", das heißt in Bezug auf Kontakt, Kommunikation sowie konkrete bilaterale Beziehungsgestaltung. Steinmeier hingegen ist "im Körper sicher", d.h. in Bezug auf Kontakt und Beziehung zu mehreren Personen gleichzeitig. Merkels Stärke ist die unmittelbare Ansprache von Personen und die entsprechende erklärende Antwort. Steinmeier beherrscht den konkreten Bezug, verknüpft mit dem Hinweis auf grundsätzliche Erklärungen. Beide geben Orientierung: Merkel von Person zu Person, Steinmeier als Person in Bezug auf Überzeugung und die größere Perspektive.

Die Wähler werden sich während des TV-Duells selbst ihr Bild davon machen, welcher Verhaltensstil sie eher ansprechen wird. Merkel kann dabei besser punkten, wenn sie bei Konfrontation mehr auf ihre eigene Kraft und Energie vertraut. Steinmeier kann stärker überzeugen, wenn er statt zu viel zu überlegen auch mal einen Überraschungsangriff wagt.

Gastautor Ulrich Sollmann arbeitet als Berater und Coach in Wirtschaft und Industrie. Er ist Inhaber einer Praxis für Körper-Psychotherapie und bioenergetische Analyse in Bochum. Sollmann ist Begründer von charismakurve.de, einer Website, auf der Internetuser die Ausstrahlung der Spitzenkandidaten bewerten. Zudem publiziert er in verschiedenen Medien. 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben