Analyse : Ein ganz besonderer Sieg

Erstmals in der US-Geschichte hat eine ungewöhnliche Koalition ihre Macht bewiesen: Vor allem die Jungen, die Schwarzen, die Latinos und die Intellektuellen haben Obama zum Sieg verholfen. Reicht das aus, dass er ein erfolgreicher Präsident wird?

Fabian Leber[Washington]
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Blick auf den Sieger. Die Wähler setzen große Hoffnungen in Obama - nicht nur sie.Foto: AFP

Am Ende liefen die Studenten der George-Washington-University auf die Straße, die Taxifahrer hupten, der schwarze Hotelportier gab spontan Sekt aus und Jesse Jackson, der schwarze Bürgerrechtler, hatte Tränen in den Augen. Nachdem der Wahlabend zäh begonnen hatte, mit vielen Unsicherheiten, fand sich Amerika selbst, einen neuen Präsidenten und seine Fähigkeit, sich ständig zu wandeln. Ausgerechnet John McCain war es, der es in einer bemerkenswerten Gratulationsrede aussprach: Es ist tatsächlich eine historische Wahl, die Amerika getroffen hat. "Obama hat eine große Sache erreicht. Er hat die Hoffnungen von vielen Menschen angesprochen, die es vorher gar nicht fuer möglich gehalten hatten, dass sie eine Wahl in diesem Land beeinflussen können", sagte er in Arizona.

Tatsächlich ist es nicht nur die Wahl eines schwarzen Präsidenten, die diesen Tag so besonders macht. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes hat eine ungewöhnliche Koalition in den USA ihre Macht unter Beweis gestellt. Es sind vor allem die Jungen, die Schwarzen, die Intellektuellen und die Lations, die Obama diesen Wahlsieg ermöglicht haben. Die Minderheiten sind in Amerika zur Mehrheit geworden - und zwar mit der Schlagkraft, die so vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Obama hat nun zumindest theoretisch die Möglichkeit, den American Way of Life neu zu definieren. Ihn nachhaltig zu machen. Die große demokratische Mehrheit im Kongress und das klare Votum der Wähler geben ihm das Mandat dazu. Kein Präsident seit Lyndon B. Johnson hat eine Wahl mit einem solch großen Abstand gewonnen wie jetzt Obama.

Die Angst der einfachen Menschen und acht verlorene Bush-Jahre

Andererseits zeigt diese Wahl, dass die kulturellen Unterschiede in den USA seit den Wahlen 2000 und 2004 noch größer geworden sind. Wer verschiedene Ecken des Landes bereist, dem fällt der Unterschied sofort auf. Da sind die Amerikaner, die so tief an Gott glauben, aber doch so viel Angst haben. Sie leben oft in kleinen Städten, sie klammern sich an Traditionen und sie fürchten, das zu verlieren, was sie sich aufgebaut haben. Ihre Angst ist nicht unberechtigt, doch sie selbst finden keine Antworten auf ihre Fragen. Und die Republikaner konnten ihnen nach acht verlorenen Bush-Jahren keinen Halt mehr geben. Auch jetzt wurde im Wahlkampf viel über Steuern debattiert, über steigende Benzinpreise und die Angst vor dem Wechsel. Doch Obama wird gut beraten sein, die Amerikanern auf einen ganz grundlegenden Wandel vorzubereiten. Die Zeiten, in denen sich das Land billig Kapital und Energie besorgen konnte, gehen zu Ende. Den Menschen in Amerika kann das auch nutzen. Wenn sich die USA selbst modernisieren - und sie haben dazu mehr Kraft als die Europäer  - können sie auch künftig wieder kultureller Ideengeber des Westens sein.

Allerdings: Bei aller Siegestrunkenheit muss sich Obama im klaren darüber sein, dass er den Vertrauensvorschuss der Amerikaner schnell verspielen kann. Schon in zwei Jahren dürften die Wähler den Einfluss der Demokraten im Kongress wieder zurückschneiden. Viele Amerikaner misstrauen ihrer Regierung, ihren Politikern - sie wünschen sich das System der Checks and Balances, das vorsieht, dass sich die einzelnen staatlichen Institutionen selbst kontrollieren. Und Obama muss es schaffen, den tiefen kulturellen Graben zu schließen, der sich nun zum wiederholten Mal aufgetan hat. Nutzen kann ihm dabei seine Fähigkeit zur spirituellen Rede, seine Gebundenheit im Glauben, die das Bindeglied zum konservativen Teil Amerikas darstellt. Mit dieser Sprache verstehen ihn auch die Amerikaner, die ihn nicht gewählt haben - und es sind vor allem jene Mitglieder der weißen Mitteklasse, die in den ehemaligen Südstaaten leben.

Die Welt hat große Erwartungen

Und was hat die Welt von Obama zu erwarten? Der neue Präsident hat ein schmales Zeitfenster und er hat einen Vertrauensvorsprung, den es so in der Welt noch nicht gab. Überall auf der Welt werden heute Menschen seinen Wahlsieg feiern. Für viele Regierungen wird es schwer werden, Außenpolitik gegenüber einen so populären Präsidenten zu machen. Vielleicht sind die Erwartungen an Obama viel zu hoch. Doch zumindest für einen Abend hat sich auch gezeigt, wie klein die Welt doch ist.

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