Analyse : Nobelpreis für eine Hoffnung

Schon öfter wurde der Friedensnobelpreis für einen vagen Frieden vergeben. Aber noch nie für nur eine vage Hoffnung. Das ist seit heute anders.

Martin Klingst

WashingtonBarack Obama ist der erste Preisträger, der dafür ausgezeichnet wird, dass die Welt mit ihm auf eine friedlichere, gerechtere, saubere, kooperative und atomwaffenfreie Welt hofft.

Einige Laureaten, wie die ehemaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt und Jimmy Carter oder Außenminister Henry Kissinger, erhielten die Auszeichnung immerhin für Friedensverträge, so brüchig sie auch gewesen sein mögen. Andere wie Woodrow Wilson, der Begründer des Völkerbundes, für eine Lebensleistung und eine grandiose Idee.

Barack Obama, gerade einmal knapp neun Monate im Amt, wird lediglich für eine Erwartung gepriesen. Der Preis ist eine Wette auf ein Versprechen und eine ungewisse Zukunft. Und er kommt just in einem Augenblick, da dieses Versprechen von vielen in Zweifel gezogen wird. Denn an eben diesem Freitag sitzt Amerikas Präsident wieder mit seinen Sicherheitsexperten zusammen, um eine Strategie für den Afghanistankrieg zu finden. So viel ist klar: Der Krieg wird andauern und auf beiden Seiten weiterhin viele Opfer fordern. „Denn Rückzug ist keine Option“, verkünden seine Berater seit Tagen.

Die Preisverleihung ist eine hohe Bürde, schraubt sie doch die Erwartungen an Amerikas jungen Präsidenten unendlich hoch. Jetzt wird auch der Chor all jener anschwellen, die seit Monaten rufen: „Wann folgen deinen Worten endlich Taten?“

Barack Obama wurde von der Auszeichnung heute früh ebenso überrascht wie der Rest der Welt. Niemand hatte auch nur den Hauch einer Ahnung davon, dass er oben auf der Osloer Liste stand. Doch der Preis kommt zur rechten Zeit. Obamas Veränderungsdrang stößt daheim wie draußen an dicke Mauern. Die Gesundheitsreform, die Millionen Not leidender Menschen in eine bezahlbare Krankenversicherung führen soll, stockt. Die Auflösung des Gefangenenlagers von Guantánamo macht Riesenprobleme. Republikaner und einige Demokraten widersetzen sich seinem Programm zur Eindämmung der Erderwärmung. Zum Klimagipfel in Kopenhagen werden Obamas Gesandte wahrscheinlich mit leeren Händen anreisen.

Im Nahen Osten sperren sich hartleibige Israelis und Palästinenser weiter gegen jedes Friedenswerben. Iran könnte bald im Besitz einer Atombombe sein und Nordkorea zeigt weiterhin allen die lange Nase. Es ist keineswegs sicher, dass Irak zur Ruhe kommt. Und egal, wie sich der Präsident in den kommenden Wochen entscheidet: Afghanistan und Pakistan bleiben eine schwere Last – und ein unkalkulierbares Risiko.

Der Friedensnobelpreis wird all diese Probleme nicht über Nacht ausräumen. Aber sie werden vielleicht den Blick auf die Veränderungsmöglichkeiten neu öffnen und Obama vielleicht wieder neue Kraft und neuen Rückenwind verschaffen. Daheim und draußen.

Zyniker behaupten, Obama habe die Auszeichnung für seinen Friedensschluss mit Hillary Clinton erhalten. Dafür, dass er seine erbitterte Gegnerin aus dem Vorwahlkampf als Außenministerin ins Kabinett geholt habe. Andere ätzen, ihm sei wie einst in der Antike der Lorbeerkranz für schöne, aufrüttelnde und herzerwärmende Reden aufs Haupt gesetzt worden.

Das ist ungerecht und falsch. Man kann trefflich darüber streiten, ob Barack Obama nach nur neun Monaten im Amt bereits die höchste Auszeichnung der Welt verdient. Aber er hat weit mehr getan als nur geredet. Und auch den Wert seiner Ansprachen sollte man nicht unterschätzen. Sie haben angeregt - und viele und Vieles bewegt, auch wenn die Erfolge noch auf sich warten lassen.

Mit den Russen wird wieder über atomare Abrüstung verhandelt und Iran lässt wenigstens wieder mit sich reden. Die Gesundheitsreform könnte tatsächlich noch vor Weihnachten Gesetz werden – und der Vorschlag für ein neues Klimagesetz führt wenigstens dazu, dass überall in Amerika jetzt über Energieeinsparung, Elektroautos, Wind- und Sonnenenergie diskutiert wird.

Es stimmt: Der Präsident hat noch keinen zur Unterschrift unter neue Friedensverträge zwingen können. Aber er verändert den Ton in der Welt und er bewegt die Köpfe – und so vielleicht auch Schritt für Schritt die Politik. Das war während der Sitzung der Vereinten Nationen in New York zu spüren und ebenso auf dem G 20-Gipfel in Pittsburgh.

Die Auszeichnung ist zugleich ein Anti-Bush-Preis. Sie ist ein Lob für die Wiederbelebung des Dialogs, der Diplomatie und des Multilateralismus. Und sie ist eine Mahnung, nach Jahren der Verheerung diese große Chance nicht zu vertun. Nicht nur eine Mahnung an Barack Obama, sondern an die gesamte Welt.

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