Analyse : Reden und Tee trinken

Afghanistan: Vielen deutschen Soldaten fehlt das Verständnis für die Kultur des Landes – das schafft Ängste und Probleme. Eine Analyse.

Martin Gerner[Köln]
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Kontakt mit der Bevölkerung. Ein Bundeswehrsoldat bei einer Streife in Taloqan bei Kundus. Archivfoto (2008): dpadpa

Neben der Frage nach dem genauen Tathergang in Kundus wird auch darüber debattiert, welche Folgen der Luftangriff für die Bundeswehr, andere Nato-Truppen, aber auch für Entwicklungshelfer haben wird. Wie sich in den vergangenen Jahren mehrfach gezeigt hat, spielen dabei in Afghanistan besonders psychologische Faktoren und die Kommunikation eine große Rolle.

Auch drei Tage nach den Ereignissen warten die Afghanen – vor allem Familien und Angehörige der Opfer – auf ein offizielles Statement des deutschen Wiederaufbauteams (PRT) in Kundus. Erklärungen dazu gibt es nur aus Deutschland. Und die anfänglichen Aussagen der Bundeswehr, die Opfer seien ausnahmslos Taliban, haben die Lage nicht verbessert. „Dies ist heikel“, sagt Asef Hosseini, ein junger afghanischer Intellektueller. „Es kränkt jene, die es zu Unrecht trifft, und verletzt ihren Stolz.“ Hosseini verweist darauf, dass „Taliban und jene, die mit ihnen sympathisieren, keine Mitgliedsausweise mit sich führen“. Die Grenzen sind nicht so klar zu ziehen, wie das der Militärjargon bisweilen nahelegt. Aber wann ist jemand aus Sicht der Nato und ihrer Schutztruppe Isaf ein Talib? Und wer legt diese Grenze fest? Gibt es unterschiedliche Kriterien zur Bekämpfung aktiver Taliban und passiver Sympathisanten?

In einigen Berichten heißt es, es hätten sich nur Menschen an den Tanklastern zu schaffen gemacht, die „unter Kontrolle“ der Taliban gestanden hätten. „Kontrolle“ üben Aufständische vor allem durch Waffengewalt aus. Viele Afghanen fühlen sich von ihnen bedroht. Die Beweisführung, wer aktiv mit oder im Auftrag der Taliban Benzin abgezapft hat oder wer möglicherweise dazu gezwungen wurde, ist schwierig. Dies gilt umso mehr, wenn man Interviews mit Angehörigen der Opfer und Berichte einheimischer Medienvertreter zugrunde legt.

Ein wichtiger Punkt, um die Lage in Afghanistan richtig zu analysieren, ist die Definition des Begriffs „Bedrohung“. Die Erfahrung zeigt, dass mancher Sachverhalt am Hindukusch nur begrenzt objektivierbar ist – dies gilt nicht nur für den deutschen Einsatzbereich im Norden des Landes. Ein Beispiel: Am Neujahrstag erhalten viele afghanische Jugendliche und Kinder Spielzeugwaffen als Geschenk, die mehr oder weniger echt aussehen. Ihr Spielplatz ist die Straße. In Isaf-Flugblättern wurde die Bevölkerung in der Vergangenheit vor Verwechslungen mit echten Waffen gewarnt. In mindestens einem Fall soll ein Junge mit Spielzeugwaffe getötet worden sein. Aus Sicht der Isaf-Soldaten mag die Bedrohung real erscheinen. Ausländische Entwicklungshelfer erleben die gleichen Bilder, ohne sich bedroht zu fühlen. Sie kennen das Treiben vor der Haustür und gehen anders mit den Situationen um. Der deutsche Kommandeur, Oberst Georg Klein, soll dem amerikanischen Isaf-Oberbefehlshaber, General Stanley McChrystal, bei der Untersuchung nahegelegt haben, aus Sicherheitsgründen den Tatort nicht zu inspizieren, und hielt offenbar auch einen Besuch im Krankenhaus von Kundus für zu gefährlich. McChrystal hielt dies offenbar für ein kalkulierbares Risiko.

Schon in den vergangenen Wochen war es für Ausländer in Kundus nicht immer einfach. Die Bevölkerung, aber auch Amtsträger schienen den Kontakt zu meiden. Schon die schiere Präsenz von Nato-Militärfahrzeugen lässt inzwischen das Leben auf den Straßen erstarren. Autofahrer steuern an den Seitenrand und rühren sich nicht vom Fleck, aus Angst, für einen Selbstmordattentäter gehalten zu werden. Gemeinsam mit Militärs gesehen zu werden, lehnen viele Helfer schon seit geraumer Zeit ab. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass es sie in Misskredit bringt – und auch jene Afghanen, die mit ihnen arbeiten. In Zukunft werden sich deutsche zivile Helfer vermutlich noch genauer überlegen, ob sie Seite an Seite mit Bundeswehrsoldaten auftreten.

Ein Fakt bei vielen westlichen Soldaten ist, dass ihnen echter Kontakt zu den Einheimischen fehlt. Begegnungen mit Afghanen, die über ein Mittagessen oder Händeschütteln hinausgehen, gehören nicht zum militärischen Alltag. „In der Ausbildung wird der Eindruck erweckt, hinter jedem Baum in Afghanistan verstecke sich ein Talib“, sagt ein Reserveoffizier der Bundeswehr, der zweimal im Norden eingesetzt war.

Die Frage ist: Ist die Truppe ausreichend auf den Umgang mit der Situation vor Ort eingestellt? Ein Sicherheitsexperte, der anonym bleiben möchte, gibt eine klare Antwort: „Es gehen junge Männer als Soldaten nach Afghanistan, die mit der komplexen Lage vor Ort vollkommen überfordert sind.“ Und zuspitzend sagt der Experte weiter: „Die neue Strategie der Amerikaner bedeutet im Grunde Tee trinken, Tee trinken, Tee trinken mit den Afghanen“: Im Kern würde McChrystal, der neue Isaf-Oberbefehlshaber, das möglicherweise unterschreiben. Die Erkenntnis reift spät. Neuerdings sucht die Isaf etwa in den Provinzen Herat und Farah Rat und Informationen von Hilfsorganisationen, um ihr Wissen über die lokalen Verhältnisse zu erweitern. In Farah hatte es im Frühjahr einen US-Luftangriff mit einer ähnlichen Anzahl von Toten gegeben. Es fehle, urteilt der Experte, interkulturelle Kompetenz, die die Kultur und das Denken der Afghanen einbeziehe, verstehe und respektiere. Dafür werden nicht zuletzt fähige Dolmetscher gebraucht. Und daran fehlt es der Bundeswehr im Norden des Landes. In Kundus bemüht sich die Bundeswehr zurzeit händeringend um afghanische Übersetzer. Nach dem jüngsten Vorfall dürften diese noch schwerer zu finden sein.

Auch der Sprachgebrauch in Deutschland zeigt deutlich die unterschiedlichen Wahrnehmungen. „Die Bevölkerung versteht sich als Zaungast. Die gucken, wer ist der Stärkere“, sagt der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, zu den Ereignissen in Kundus. Wenn dies die Ohnmacht der Bevölkerung beschreiben soll, ihren Alltag trotz der Kämpfe und Schießereien zu bewältigen, dann mag man das so sehen. Zugleich bleibt Deutschland „Gast“, in einem Land, in dem Soldaten aus mehr als 40 Nato-Staaten stationiert sind.

Martin Gerner ist freier Journalist und berichtet seit mehreren Jahren aus Afghanistan. Zuletzt war er vor den Wahlen am 20. August in der Region Kundus und schrieb regelmäßig für den Tagesspiegel.

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