Analyse : Was ist eigentlich Wahlkampf?

Der Wahlkampf ist schneller, persönlicher geworden. Sogar Außenpolitik geht. Elf Wochen wird er jetzt dauern. Und außer Atompolitik ist noch nichts in Sicht.

Stephan-Andreas Casdorff

DER URVATER

So viel Personalisierung, so viel Fokussierung auf eine Person war vorher nie. Zumindest nicht so plakativ.

„Willy wählen“ schrieb die SPD 1972 auf ihre Plakate. Alles war auf Willy Brandt konzentriert. Mit Erfolg: Die SPD wurde stärkste Fraktion. Knapp.

DER DRITTE WEG

Bis ins Detail plante die SPD 1998. Sogar die Wahlkampfzentrale, die „Kampa“, diente als Inszenierungsobjekt. Diese Kampagne gilt in der Wahlkampfforschung noch heute als Meilenstein. In Deutschland.

DER AUFREGER

Zuspitzung war 1999, nur ein Jahr nach dem Machtwechsel im Bund, das Erfolgsrezept der CDU. Mit einer umstrittenen Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft mobilisierte die CDU in Hessen. Besonders ihre eigenen Wähler. Seitdem ist Roland Koch hessischer Ministerpräsident.

WERDEN WAHLKÄMPFE WICHTIGER?

Aber ja. Und zwar, weil erstens immer noch gilt, dass Parteien gewählt werden – und damit Programme nicht zu unterschätzen sind. Es gibt tatsächlich Menschen, die sie lesen. Oder die zuhören, wenn der eine oder andere Politiker sachlich-inhaltlich redet, sprich: zu argumentieren versucht. Also bedarf es der Sorgfalt bei der Formulierung der eigenen Ziele in einem sogenannten Regierungsprogramm als Destillat dessen, was die Grundsätze der jeweiligen Partei sind. Zum Beispiel 2005, als Angela Merkel auch deswegen mit der Union von fast 49 Prozent in Umfragen auf etwas mehr als 35 Prozent der Stimmen sackte: Es fehlte der wirklich ansprechende Begriff für das, was sie wollte. Wenn überhaupt, dann wäre es „Mut zur Zumutung“ gewesen, aber wer will das schon wissen, geschweige denn wählen. Stattdessen wäre ein Programm unter dem Leitmotiv „Solidarität statt Kapitalismus“ angesagt gewesen (eine Idee von Heiner Geißler, die ungehört blieb).

Zweitens werden Wahlkämpfe wichtiger, weil a) die Spitzenkandidaten in ihrer Bedeutung gestiegen sind. Sagte man früher, also etwa 1998, noch, der Kandidat sei für zusätzlich zwei Prozent gut, so sind es heute, nach den Erfahrungen 2005, sicher mehr. Fünf Prozent, zehn Prozent, die Fachleute sind da uneinig. Kandidat und Programm müssen aber in jedem Fall stimmig sein, weit stimmiger als vordem, weil jede Abweichung genau registriert wird – die neuen Medien bis hin zu Twitter zwitschern der Partei sonst was.

Und dann b), weil gelungene Feinabstimmungen belohnt werden. Das beste – neudeutsch gesprochen – „wording“, dazu eine Kampagne mit Bildern, die Bände spricht und den Kandidaten authentisch wirken lässt, sind Voraussetzung. Siehe die letzte Kampagne von Ole von Beust in Hamburg. Mit der erreichte die CDU die eigenen Leute, aber interessierte auch unschlüssige Wähler. Und von denen gibt es bis zum Wahltag, ja bis in die Wahlkabine hinein immer mehr. Experten sprechen von bis zu 40 Prozent. Da ist Wahlkampf buchstäblich bis zur letzten Minute wichtig.

WELCHE DIMENSION MUSS EIN PERFEKTES WAHLKAMPFTHEMA HABEN?

Es muss jeden angehen, und jeder muss es verstehen. Und dann muss auch jedem verständlich gemacht werden, wie die politische Antwort darauf lauten könnte. Das Hochwasser war 2002 beispielsweise so ein Thema, bei dem alles zusammenkam. Mitgefühl zeigen, Führung demonstrieren, zuletzt Ergebnisse dokumentieren, und zwar in Bild und Schrift – Gerhard Schröder hatte sofort begriffen, dass darin seine Chance gegen Edmund Stoiber lag. Bis der, aus dem Badeurlaub kommend, seine Füße daheim in Niederbayern an übergetretenen Flüssen netzte, hatte Schröder als Kanzler die Republik schon gerettet. So sah es jedenfalls aus. Oder jetzt die Krise: Kraftvoll, aber beherrscht zu reagieren, das ist die Kunst. Seriös, aber mutig das Notwendige anzupacken.

Merkel hat hier den Bonus der Regierenden, ihren Gegenkandidaten bleibt der Status der Reagierenden. Will sagen: Wenn sie keine großen Fehler macht, werden ihr die kleinen Fortschritte gutgeschrieben. Ein bisschen ist es wie beim Boxen. Wenn die SPD als Herausforderer den Titel „Kanzler“ will, dann reicht ein Unentschieden halt nicht aus. Dann muss sie siegen, nicht nur ein paar Prozentpünktchen gewinnen. Danach sieht es aber gerade nicht aus. Die Atomkraft ist kein Gewinnerthema; es dient gegenwärtig vor allem dazu, die eigene Truppe aufzubauen, sie gegen etwas zu sammeln, damit sie sich was traut. Anzugreifen nämlich.

WIE WICHTIG SIND DIE

SPITZENKANDIDATEN

DER PARTEIEN?

Wichtiger sind sie geworden, keine Frage. Wenn heute Helmut Schmidt für die SPD anträte … dann hätte Angela Merkel keine Chance. Selbst wenn sie wieder sagte, dass sie doch eigentlich aus Hamburg kommt; da ist sie geboren. Damals, als Helmut Kohl ins Amt kam, im vorigen Jahrhundert war das, gab es vor der „Wende“ eine Zustimmung von 73 Prozent zu Schmidt, nur seine Partei, die SPD, hat nie so viel bekommen. Umgekehrt war Kohl nie richtig beliebt, aber seine Union bei Wahlen immer stark. Inzwischen, nach der Wahl 2005, ist das anders. Sie war im Grunde die Zäsur. Da war es Schröder, der seine Partei, die nach all den vorangegangenen Tiefschlägen am Boden lag, mit aller Kraft aufrichtete, mit seiner Kraft. Übrigens kein Wunder, dass er dann am Wahlabend gegen Merkel ausfällig wurde, so voller Adrenalin, wie er war. Apropos Merkel: Sie mit ihrem Kurs als deutsche Maggie Thatcher war der Grund, warum die Union um ein Haar alles verlor.

WIE HABEN SICH WAHLKÄMPFE

VERÄNDERT?

Sie sind schneller, persönlicher auch. Die Kandidaten und die Parteien müssen schneller Antworten bereithalten als früher, und zu mehr Themen sowieso. Die ganze Bandbreite wird abgefragt, überall, in jedem zur Verfügung stehenden Medium. Pardon wird nicht gegeben. Was seinerzeit Tony Blair in Großbritannien vorgemacht hat, nämlich Wahlkampf in jede nur erdenkliche Gruppe hinein, eine Wähleransprache bis ins einzelne Haus, ist heute Gemeingut. Wie auch unterschiedliche Botschaften für unterschiedliche Interessengruppen, die Karl Rove zur Wiederwahl von US-Präsident George W. Bush perfektionierte. Vom Obama-Team und seiner Allgegenwart, die neue Maßstäbe setzte, gar nicht weiter zu reden.

Übrigens: Außenpolitik, von der es früher schon fälschlicherweise hieß, mit ihr könnten Wahlen nicht gewonnen werden, ist heute anerkanntermaßen wichtig für den Erfolg. Siehe die entschiedene Ablehnung eines Irakeinsatzes durch Schröder. Oder, aktueller, Merkels internationale Rolle in und für Europa. Dazu wird sie dann in ihrer Rolle als gesamtdeutsche, praktisch denkende (Haus-)Frau und „Mutti“ der CDU (so nennen sie Merkel dort wirklich) herausgestellt. Die „Mater familias“ als Gesamtbild ist aber nur ein Hinweis darauf, wie persönlich das Ganze wird. Frank-Walter Steinmeier, der Vizekanzler, der gerne für die SPD Kanzler werden will, zeigt sich ja inzwischen auch so, wie er vorher nie gesehen wurde. Wie überhaupt vorher nie ein Kanzler oder Kandidat gesehen wurde.

Dass Merkel kochen und backen, dass Steinmeier einem 2 CV unter die Haube schauen kann – wer weiß schon Ähnliches über Kohl oder Schmidt zu berichten? Bestenfalls über Brandt gab es auch einen Kessel Buntes, weil dessen Frau Rut solche Klasse hatte, und weil seine menschlich-allzumenschlichen Schwächen viele anrührten. „Willy wählen“ als Wahlkampfslogan war neben dem attraktiven Programm „Mehr Demokratie wagen“ auch ein Ausdruck dieses Gefühls. „Helmut wählen“, wer hätte das plakatiert? Kohl ließ vielmehr die „Rote-Socken-Kampagne“ zu, mit tatsächlich roten Socken als politischer Aussage. Schmidt wiederum lebte geradezu von dem Abstand, der seine Autorität scheinbar noch vergrößerte. „Frank“ und „Angie“, das vertrauliche Du, klingt dagegen heute schon nicht mehr so fremd.

Was übrigens, das nur am Rande, darauf hinweist, dass die Distanz der Deutschen zu denen, die sie regieren, abgenommen hat. Ob zu deren Wohl, ist noch eine unbeantwortete Frage. Die Spitzenpolitiker, die viel Nähe von vielen zulassen, wundern sich manchmal doch überraschend, dass ihnen dann der eine oder andere zu nahe tritt.

SIND LANGE ODER KURZE WAHLKÄMPFE BESSER?

Wer weiß das schon so genau. Oskar Lafontaine hatte als damaliger SPD-Chef für den Wahlkampf 1998 Jahre geplant: die Blockade der schwarz-gelben Kohl- Regierung im Bundesrat; dadurch die Disziplinierung und Mobilisierung der eigenen Leute; und zum Schluss mit Bundesgeschäftsführer Franz Müntefering die Organisation eines Teams in der „Kampa“, das sogar öffentlich suggestiv die Tage bis zum Wechsel zählte. Das Gegenmodell: Die CDU lag nach eben dieser Bundestagswahl fast in Trümmern, aber Wolfgang Schäuble als neuer Vorsitzender war der Zukunft zugewandt, und zwar der ersten Landtagswahl danach, der in Hessen. Was niemand vorhergesagt hatte – außer ihm –, passierte tatsächlich: Die CDU siegte. Seither regiert Roland Koch in Wiesbaden. Das gelang mit brutalstmöglicher Positionierung in einer Debatte um die doppelte Staatsangehörigkeit, die schnell wirkte. So kann’s auch gehen. Oder 1990, im Jahr der Einheit. Da schmiedete Volker Rühe als CDU-General innerhalb weniger Monate eine „Allianz für Deutschland“, die der SPD im Osten wenig übrig ließ.

Auch jetzt ist nicht mehr gar so viel Zeit. Die Wahlkämpfer fahren, bis auf wenige Ausnahmen, sogar noch in den Urlaub. Und geben freundlich Auskunft über ihre Lektüre. Peer Steinbrück zum Beispiel will „Der stumme Tod“ lesen. Nein, das ist nicht das SPD-Programm, sondern ein Buch von Volker Kutscher.

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