Politik : Anders einkaufen

Von Alfons Frese

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Der Unterschied zwischen Walter Deuss und Helmut Kohl beträgt zwei Jahre. Von 1982 bis 2000 regierte Deuss Karstadt, also sogar noch länger als Kohl die Republik. Es war eine geradezu sorglose Zeit. Vielleicht blieb deshalb manches liegen. Kohl saß Krisen aus und drückte Probleme weg, anstatt sie zu lösen. „Papa“ Deuss, wie er intern genannt wurde, machte Karstadt groß und größer und übersah dabei Veränderungen auf den Märkten, bei den Kunden. Doch irgendwann geht „Weiter so“ nicht mehr.

Karstadt, ein Symbol deutscher Einkaufskultur, ist am Ende. Das Konglomerat des Walter Deuss wird zerschlagen, damit ein Kern überlebt. Tausende verlieren ihren Arbeitsplatz und damit die Grundlage ihrer Existenz; viele von ihnen müssen sich demnächst mit Hartz IV beschäftigen. Und die dafür verantwortlichen Manager sitzen im Trockenen und genießen Abfindungen und Pensionen. Auf Dauer wird das dem Miteinander von Belegschaften und Bossen und dem politischen System insgesamt nicht gut tun. Aber das ist ein anderes Thema.

In Wismar machte Rudolf Karstadt 1881 sein erstes Geschäft auf, 1912 gab es erstmals ein großes Kaufhaus in Hamburg, in den 20er Jahren dann entstand das damals grandioseste Warenhaus Europas am Berliner Hermannplatz. Der Karstadt-Konzern übernahm Neckermann und Hertie und fusionierte schließlich mit Quelle. Weitere Übernahmen und Aktivitäten – von Fernsehsendern über Sportstudios bis zu Kaffee-Ketten – kamen in den Einkaufskorb von Deuss und seinem Nachfolger Wolfgang Urban. Am Ende hatte sich Karstadt übernommen, verzettelt, Trends verschlafen und sich auf den stagnierenden Heimatmarkt beschränkt. So macht der Konkurrent Metro zwei Drittel seines Umsatzes im Ausland, Karstadt nur zehn Prozent.

Wir geben heute nicht nur weniger Geld beim Einkaufen aus als früher, wir geben es auch anders aus. Eingequetscht zwischen den Aldis und Lidls sowie den Fachmärkten und Shopping-Centern auf der anderen Seite ging Karstadt die Luft aus. Das wissen auch die Beschäftigten, die seit Jahren immer weniger Käufer in ihren Warenhäusern mit den riesigen Sortimenten beobachten. Offensichtlich wollen sich die Kunden nicht mehr im Gemischtwarenladen bedienen. Und wenn es nach Karstadt-Chef und -Sanierer Christoph Achenbach geht, dann ist auch die Zeit der dicken Kataloge vorbei. 80000 Artikel auf 1500 Seiten im Quelle-Katalog – das kommt nie wieder. Künftig gibt es anstelle eines „Hauptkatalogs“ mehrere Spezialverzeichnisse. Je heterogener die Vorlieben und Finanzen der Verbraucher, desto differenzierter muss das Angebot des Handels sein.

„Ist der Handel noch so klein, bringt doch mehr als Arbeit ein.“ Dieser Spruch beschreibt versunkene Zeiten. Allein in diesem Jahr gehen 4000 Einzelhändler Pleite, 35000 Verkäuferinnen und Verkäufer werden ihre Arbeit verlieren – die Karstadt-Mitarbeiter noch nicht mitgerechnet. Und die Lage bleibt schlecht. Die Kaufkraft wird in den nächsten Jahren so gut wie nicht steigen. Ohnehin ist nach den jahrelangen Debatten über private Altersvorsorge, zu hohe Löhne, Sozialreformen und Verlagerung von Arbeitsplätzen vielen Menschen die Kauflaune abhanden gekommen. Oder die Konsumfreude lebt sich in Shopping-Centern am Stadtrand aus, wo der Parkplatz umsonst ist. Die „Geiz-ist-geil“-Kampagne hat das Land verändert. Dass die guten, alten Zeiten zurückkehren, kann man sich wünschen. Wahrscheinlich ist es nicht.

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