Andrea Ypsilanti : Die Quereinsteigerin

Sie war Stewardess und Sekretärin. Vielleicht wurde sie deshalb so lange unterschätzt. Jetzt hat sie die Chance, Roland Koch zu stürzen – und die SPD nach links zu rücken.

Christoph Schmidt Lunau[Wiesbaden]
Andrea Ypsilanti
Andrea Ypsilanti. -Foto: dpa

ANDREA YPSILANTI KAM ALS QUEREINSTEIGERIN IN DIE POLITIK UND STIEG ZUR SPD-CHEFIN IN HESSEN AUF. WIE HAT SIE DAS GESCHAFFT?



Andrea Ypsilanti war fast 30 Jahre alt und hatte schon mehr als zehn Jahre Berufserfahrung, als sie Mitglied der SPD wurde. Die Tochter eines Opel-Arbeiters aus Rüsselsheim machte zwar Abitur. Für ein Studium fehlte ihr aber erst mal das Geld. „Bei uns zu Hause wählte man SPD, Mitglied war man allerdings nur in der Gewerkschaft“, sagt sie im Rückblick. Ypsilanti kam dann auch über die Gewerkschaft zur Politik. Als Stewardess und ÖTV-Vertrauensfrau verhandelte sie mit ihrem Arbeitgeber Lufthansa über Ruhezeiten und Dienstpläne; dass Stewardessen so viel schlechter behandelt wurden als Piloten – das fand sie ungerecht.

Ypsilantis Laufbahn als Berufspolitikerin begann dann kurz nach dem Studium. 1992 schaffte die Diplom-Soziologin als Erste in ihrer Familie einen Hochschulabschluss. Der damalige hessische Ministerpräsident Hans Eichel holte sie anschließend in die Staatskanzlei in Wiesbaden. Wegen ihrer guten Sprachkenntnisse sollte sie sich um seine außenpolitischen Kontakte kümmern. Bei den Jungsozialisten machte Andrea Ypsilanti erst kurz vor der Altersgrenze von 35 Jahren Karriere und wurde Landeschefin. Von dort kam sie 1999 in den Hessischen Landtag, dank des knappen Wahlsiegs von Roland Koch musste sie allerdings mit den Oppositionsbänken vorliebnehmen.

In einer für die hessische SPD äußerst schwierigen Situation – nach dem katastrophalen Wahlergebnis von 2003 (29,1 Prozent) und dem Rücktritt des damaligen Spitzenkandidaten Gerhard Bökel – wurde Ypsilanti Landesvorsitzende. Zwei Jahre später allerdings kam der Rückschlag: Bei der Wiederwahl erzielte sie nur magere 69,3 Prozent. Dass der Rückhalt für sie im eigenen Landesverband nicht immer uneingeschränkt war, zeigte auch die Nominierung zur Spitzenkandidatin im vergangenen Jahr. Bei Abstimmungen an der Parteibasis lag sie zunächst noch hinter dem damaligen Landtagsfraktionschef Jürgen Walter. Erst beim entscheidenden Landesparteitag in Rotenburg schlug sie ihn im zweiten Wahlgang, nach einem Patt im ersten. Wieder einmal hatten sie viele unterschätzt.

WIE LINKS IST SIE?

Die CDU warnt beharrlich vor dem drohenden „Linksruck durch die Ypsilanti-SPD“; extrem seien ihre Positionen, wirtschaftsfeindlich und staatsgläubig. Sie selbst kontert diese Vorwürfe damit, dass die Wirtschaft nach Artikel 38 der Hessen-Verfassung dem Wohle des Volkes zu dienen habe. Ihr Programm bezeichnet sie als „ursozialdemokratisch“. Sie will den vorsorgenden Sozialstaat verteidigen. Nur mit einer überzeugend anderen Politik habe die SPD in Hessen eine Siegchance, sagt die Spitzenkandidatin. Sie verspricht die Abschaffung der von Ministerpräsident Koch eingeführten Studiengebühren, sie will eine Vermögensteuer auf Landesebene, in der Energiepolitik setzt sie auf eine radikale Wende hin zu erneuerbaren Energien.

Andrea Ypsilanti an der Macht – das wäre für ihren pragmatischen Parteivorsitzenden Kurt Beck durchaus ein Problem. Der vom Genossen Peer Steinbrück und seinem CDU-Pendant Roland Koch ausgehandelten Reform der Unternehmensteuern hätte eine Ministerpräsidentin Ypsilanti im Bundesrat die Zustimmung verweigert; „aufkommensneutral“ hätte eine solche Reform gestaltet werden müssen, nicht als Steuergeschenk an die Unternehmen, sagt sie im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Auch für eine Reform der Erbschaftsteuer formuliert sie Bedingungen. Es soll nach ihrer Überzeugung hohe Freibeträge geben. „Niemand soll um sein Häuschen oder seine mittelständische Existenz fürchten müssen“, sagt Ypsilanti. Eine soziale Schieflage hatte sie öffentlich schon Schröders Agenda 2010 bescheinigt. Der Kanzler und Parteivorsitzende hatte sie damals mit Nichtachtung oder Spott gestraft; von den Ypsilantis werde er sich seine Reformpolitik nicht kaputtreden lassen, soll er gesagt haben. Inzwischen aber ist Schröder Altkanzler und Andrea Ypsilanti Spitzenkandidatin.

WIE STEHT YPSILANTI IM VERGLEICH ZU MINISTERPRÄSIDENT ROLAND KOCH (CDU) DA?

„Ich bin vor allem ganz anders als Roland Koch!“ Diese Worte standen am Ende ihrer vielen Bewerbungsreden um die Spitzenkandidatur. Und sie klangen bereits ganz anders. Das „ich“ klingt wie „isch“, das „r“ in „anders“ fällt der hessischen Sprachfärbung zum Opfer. Andrea Ypsilanti berichtet davon, wie schwer es für sie gewesen sei, Abitur zu machen und zu studieren, „eine, die Platt spricht und deren Vater bei Opel schafft“. Wenn sie bessere Kinderbetreuungsangebote und Ganztagsschulen fordert, spricht sie über ihre Erfahrungen mit ihrem elfjährigen Sohn und über die beiden Kinder des befreundeten Ehepaars, mit dem sie unter einem Dach lebt. Wenn sie die Privatisierung der staatlichen Wohnungsbaugesellschaften geißelt, dann berichtet sie über die lange Suche der kleinen Wohngemeinschaft nach bezahlbarem Wohnraum in Frankfurt. Im ländlichen Vorort Nieder-Erlenbach fand sich schließlich ein bezahlbares Reihenhaus, leider ohne S-, U- oder Straßenbahn-Anschluss.

Roland Koch vermag sein Publikum mit Sprachwitz und Polemik zu begeistern. In Festzelten läuft er so zu großer Form auf. Andrea Ypsilanti ist da anders. Sie verheddert sich schon mal bei der zentralen politischen Botschaft. Ihre Stärke allerdings ist ihre Echtheit. Sie nutzt ihre Ausstrahlung. Sind Kameraleute oder Fotografen in Sichtweite, kommt kurz und unauffällig der Lippenstift zum Einsatz. Wer diese freundlich wirkende, eher kleine Person erlebt, kann sie sich kaum als Machtmenschen vorstellen. Das scheint sympathisch, könnte aber auch zu ihrem Problem werden. „Ist diese Frau fähig, ein wichtiges Bundesland zu regieren, kann sie zum Beispiel den Ausbau des Frankfurter Flughafens gegen alle Widerstände durchsetzen?“ – Roland Koch, die CDU und die FDP werden diese Frage demonstrativ verneinen. Auch mancher in der SPD signalisiert Zweifel. Doch die Irritation bei ihren Gegnern wächst. „Die Leute haben den schwarzen Filz in diesem Land satt“, sagt sie dazu.

Hermann Scheer, der ebenso prominente wie umstrittene Lobbyist für erneuerbare Energien, soll ihr „Sonnenminister“ werden, zuständig für Wirtschaft und Umwelt. Dass sie den 63-jährigen SPD- Bundestagsabgeordneten intern durchsetzen konnte, zeigt Führungsstärke – gegen die ganzen Möchtegern-Minister in den eigenen Reihen. Zur wichtigsten Personalie schweigt die Spitzenkandidatin allerdings noch. Wer soll für die Schulen des Landes Verantwortung übernehmen? Kultusministerin Karin Wolff (CDU) bietet hier große Angriffsflächen. Die Union hat Tausende zusätzliche Pädagogen eingestellt, die Stundentafeln ausgeweitet, zentrale Prüfungen eingeführt und die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss deutlich verringert. Trotzdem herrscht Unmut bei Lehrern, Eltern und Schülern. Der Leistungsdruck hat zugenommen, die Verkürzung der gymnasialen Mittelstufe um ein Jahr ist für alle zum Kraftakt geraten. Andrea Ypsilanti will mehr Ganztagsschulen und weniger Auslese. CDU und FDP unterstellen ihr, sie wolle das Gymnasium abschaffen und die Einheitsschule einführen. Nur mit einem überzeugenden Personalangebot wird die SPD dieser Unterstellung begegnen können. Andrea Ypsilanti ist wohl auf der Suche. Dass sie offenbar auch bei dieser Schlüsselposition freie Hand hat, beweist abermals ihre Machtposition.

GIBT ES FÜR ANDREA YPSILANTI EINE REALISTISCHE CHANCE, ODER KÄMPFT SIE AUF VERLORENEM POSTEN?

Vertraut man aktuellen Umfragen, dann wird Andrea Ypsilanti am Wahlabend des 27. Januar 2008 wohl zu den Gewinnern zählen. Nach 29,1 Prozent für die SPD vor fünf Jahren kann es ja auch kaum schlimmer kommen. Dass die CDU mit Roland Koch erneut die absolute Mehrheit erringt, gilt als unwahrscheinlich. Alle vier Landtagsparteien schauen gespannt auf die neue Linkspartei. CDU und FDP warnen seit Monaten vor einem rot-rot-grünen Bündnis in Hessen. Inzwischen hält sogar Ministerpräsident Koch den Einzug der Partei von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine für möglich.

Ein Bündnis mit den „Altkommunisten“ hat Andrea Ypsilanti allerdings ausgeschlossen. Intern musste sie sich dafür von linken Genossen Kritik anhören. In einem Landtag, dem neben CDU, SPD, Grünen und FDP auch die Linkspartei angehört, wird die Mehrheitsfindung kompliziert, vor allem wenn es für CDU und die in Hessen schwächelnde FDP nicht reichen sollte. Eine große Koalition, nach einem polarisierenden Wahlkampf, hält die SPD-Vorsitzende für „die denkbar schlechteste Lösung“. Die Grünen schließen eine Koalition „mit der Person Koch“ aus. Schwarz-Grün gibt es also nur ohne ihn, vielleicht mit Verteidigungsminister Franz-Josef Jung an der Spitze. Eigentlich scheint alles möglich. FDP-Landeschef Jörg-Uwe Hahn, langjähriger Weggefährte und Duzfreund Kochs, überraschte zuletzt, als er sogar eine rot-grün-gelbe Ampelkoalition nicht ausschließen wollte. Sollte ausgerechnet die konservative Hessen-FDP, die zusammen mit ihrem Wunschpartner Koch einen Lagerwahlkampf ausgerufen hat, Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin befördern? Die SPD-Vorsitzende will solche Spekulationen nicht kommentieren und gibt doch immerhin zu Protokoll, dass sie die Liberalen für „hochflexibel“ halte.

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