Andrea Ypsilanti : Von der Partei in die Mitte genommen

Die einst aufmüpfige SPD-Linke Andrea Ypsilanti reifte zur chancenreichen Herausforderin Kochs in Hessen.

Stephan Haselberger
Ypsilanti
Andrea Ypsilanti -Foto: dpa

BerlinWenn es darum geht, mächtigen Männern die Stirn zu bieten, verfügt die SPD-Linke Andrea Ypsilanti über einige Erfahrung. Den späten Reformkanzler Gerhard Schröder nervte sie in der vergangenen Wahlperiode mit Dauerkritik an der Agenda 2010; jetzt will sie in Hessen Roland Koch in Bedrängnis bringen. Und die Chancen auf einen Überraschungserfolg stehen nicht schlecht.

Zwar halten es auch optimistische Genossen für eher unwahrscheinlich, dass Ypsilanti am 27. Januar ihr ehrgeizigstes Ziel erreicht: „Ich möchte im nächsten Jahr in diesem Land Ministerpräsidentin werden.“ Aber nach der Demütigung von 2003 (29,1 Prozent) darf die SPD diesmal auf deutliche Gewinne hoffen – und auf eine Blamage für den Amtsinhaber. Denn Koch muss fürchten, dass CDU und FDP die Mehrheit der Mandate im Wiesbadener Landtag verpassen. So sagt es jedenfalls die jüngste Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen voraus.

Die Anfang Dezember veröffentlichte Erhebung hat über die hessischen Landesgrenzen hinweg einiges Aufsehen erregt. Sollten die Zahlen Realität werden, müsste Koch, um sein Amt zu retten, wahrscheinlich eine große Koalition eingehen. Schwarz-Rot – das würde für die allein regierende Hessen-CDU gleich nach dem Gang in die Opposition die brutalstmögliche Niederlage bedeuten. Für die hessische SPD, aber auch für die Bundespartei und deren Vorsitzenden Kurt Beck wäre es ein triumphaler Sieg. Und ausgerechnet Ypsilanti hätte ihn errungen.

Dass die Reformkritikerin vom linken Flügel einmal von der Nervensäge zur Hoffnungsträgerin der Berliner Parteispitze aufsteigen würde, das hätte zu Zeiten Gerhard Schröders kaum jemand in der SPD für möglich gehalten. Von Schröder ist der Satz überliefert, er lasse sich doch von „den Ypsilantis“ in der SPD seinen Kurs nicht vorschreiben. Nun sitzt der Altkanzler als Ehrengast auf einem SPD-Parteitag, der erstens eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes I beschließt – also eine jener Korrekturen an der Reformagenda vornimmt, die Ypsilanti zu Schröders Unmut immer gefordert hat – und der zweitens eben diese Andrea Ypsilanti mit dem besten Stimmergebnis in den Parteivorstand wählt. Man kann es auch so sagen: In einer nach links gerückten Sozialdemokratie steht Andrea Ypsilanti nicht mehr am Rand.

Standfest – so möchte sie selbst gesehen werden. Bei ihrer Tour durch die 55 Wahlkreise, erinnert sie gern daran, dass sie es schon immer gesagt hat. Im Gespräch mit Sozialarbeitern in Limburg zum Beispiel. Die Hessen-SPD, sagt ihre Landesvorsitzende, habe stets „klar Position bezogen“ zu den Sozialreformen der Schröder-Ära, auch wenn sie deswegen in der Bundes-Partei „kritisch beäugt“ worden sei. Nun aber debattiert Deutschland wieder über soziale Gerechtigkeit und Andrea Ypsilanti sieht sich bestätigt: „Ich finde das prima!“ Denn so lange „die Menschen feststellen, dass der Aufschwung nicht bei ihnen ankommt“, so lange hat eine SPD, wie Andrea Ypsilanti sie sich wünscht, gute Wahlchancen. Es sei „eine Sozialdemokratie, die wieder Antworten findet auf die gerechte Verteilung der Ressourcen in diesem Land“. Eine solche SPD kämpft nicht nur für Mindestlöhne, für die sie im nächsten Jahr gar Unterschriftenaktionen in den Landtagswahl-Ländern starten will. Eine solche SPD streitet auch für höhere Hartz-Regelsätze und größere Schonvermögen. Und sie tritt ein für die Wiedereinführung der Vermögensteuer. Es ist eine SPD, für die Verteilungsgerechtigkeit wieder ein zentraler Begriff ist.

Als gebe ihr die Kurskorrektur der Bundespartei und die Gerechtigkeitsdebatte zusätzliches Selbstvertrauen, spult Ypsilanti ihre Vorträge und Interviews mit einer Präzision und Routine ab, die Parteifreunden bemerkenswert erscheint. Mit der eher unstrukturierten Rednerin, die ihre Zuhörer nach der Erinnerung etlicher Genossen noch vor einem Jahr mit „Bandwurmsätzen im Sozialwissenschaftsjargon“ verwirrte, hat diese Spitzenkandidatin nichts gemein. Jetzt schichtet sie nach strenger Logik und mit fester Stimme Argument auf Argument, unterstreicht das Gesagte mit den Händen, und vergisst am Ende nie das warme Lächeln. Das wirkt freundlich, aber auch bestimmt, kontrolliert und selbstbewusst. Erreicht hat Ypsilanti diese Wandlung mit Hilfe professioneller Berater, deren „Coaching“ bis in die heiße Wahlkampfphase hinein andauern soll.

Vielleicht besteht die größte Leistung von Andrea Ypsilanti in diesem Winterwahlkampf ohnehin darin, keinen großen Fehler zu machen. Der größte, darin waren sich ihre Berater schon vor Monaten einig, wäre es gewesen, Kochs kampferprobter CDU größeren Spielraum für eine Kampagne gegen eine mögliche Linksregierung zu lassen. Mit der Warnung vor der Linksfront will die CDU ihre Stammwähler mobilisieren. Ypsilanti beantwortet die Fragen nach Rot-Rot-Grün in Hessen jedoch seit Wochen mit einer Absage, deren Glaubwürdigkeit schon deshalb schwer zu erschüttern ist, weil sie die Festlegung nach der Wahl kaum noch einkassieren kann. In der SPD hoffen sie, dass die Angriffsfläche für Koch und Co. damit kleiner geworden ist. Und die Chancen auf einen Überraschungserfolg von Andrea Ypsilanti größer.

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