Politik : Anerkennung nach 60 Jahren

Die norwegische Regierung will nun auch Witwen eine Rente zahlen, die im Krieg mit Deutschen liiert waren

Andre Anwar[Stockholm]

„Verdammte Deutschjungen! Fahrt zurück nach Deutschland, wir wollen euch nicht mehr sehen“, schreit ein älterer Norweger in einem Osloer Café einer Gruppe von 60-jährigen Männern zu, die ihr ganzes Leben in Norwegen verbracht haben und deren einzige Schuld darin besteht, im Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten gezeugt worden zu sein. Auch heute noch – 60 Jahre nach dem Krieg – werden sie mit solchen Vorfällen konfrontiert.

Vor allem in den älteren Generationen des Königreichs, die durch die deutschen Besatzungstruppen enormes Leid erfahren mussten, herrscht noch immer eine weit verbreitete Feindlichkeit gegenüber den Deutschen. Ihre Wut ließen sie nach dem Krieg an Norwegerinnen, die sich mit Deutschen einließen – im Volksmund abfällig als „Tysketöser“ (Deutschenmädels) bezeichnet – und deren Kindern aus.

Nach dem Willen des norwegischen Sozialministeriums soll nun Schluss mit der letzten rechtlichen Diskriminierung dieser Frauen sein. Es geht um die so genannte Kriegsrente, die „normale“ norwegische Witwen der entsprechenden Generationen in Anspruch nehmen dürfen – Frauen aber, die sich im Krieg mit dem deutschen Feind einließen, bisher nicht ausgezahlt wird, auch wenn sie nach dem Krieg mit Norwegern verheiratet waren. Bisher galt, dass der Bezug von Kriegspensionen von „guter nationaler Gesinnung“ abhängig war, dies galt für eigene Rentenbezüge als auch für die Rentenbezüge von Hinterbliebenen. „Tysketöser“ aber wurden als Landesverräterinnen betrachtet. Erst mehrere Jahrzehnte nach Kriegsende, nachdem der Hass auf die Deutschen abnahm, waren die Norweger bereit, das Thema aufzuarbeiten.

Die Mütter waren damals junge Mädchen, die sich einfach in deutsche Soldaten verliebt hatten. Kaum eine von ihnen sympathisierte mit der NS-Ideologie. Nach Kriegsende wurden 14 000 dieser Frauen verhaftet. 5 000 wurden ohne Rechtsprozesse für mehr als ein Jahr in Zwangsarbeitslager gesteckt. Rund 10 000 Kinder sind in der Besatzungszeit aus den deutsch-norwegischen Verhältnissen entstanden. Dies geschah in den seltensten Fällen durch Zwang, weil Vergewaltigungen bei der deutschen Wehrmacht in Norwegen im Gegensatz zur Ostfront mit der Todesstrafe geahndet wurden. Nach dem Abzug der deutschen Truppen wurden viele der Kinder in Heime für geistig Zurückgebliebene gesteckt, misshandelt und oft systematisch sexuell ausgenutzt – denn sie galten als völlig rechtlos.

Auch heute gibt es in Norwegen noch Frauen, die nicht wissen, wo sich ihre damals verschleppten Kinder befinden. „Ich musste mich übergeben, als ich die ersten Erzählungen zu hören bekam“, sagt Tor Brandacher, der in der norwegischen Öffentlichkeit bekannt wurde, weil er sich seit 18 Jahren damit beschäftigt, die Übergriffe durch Interviews systematisch ans Licht zu bringen, Medien zu informieren und Schadensansprüche an den norwegischen Staat zu stellen.

„Ein Teil der Kinder wurde in einem Kinderheim in Haugesund untergebracht, wo sie in ihren Kleiderschränken eingesperrt wurden. Das Essen bestand aus Überresten von Fischen und Kartoffeln, welche die Kinder vom Boden auflecken mussten. Die Aufpasserinnen zwangen die kleinen Köpfe zwischen ihre Beine, um sich sexuell zu befriedigen“, sagt er. In einem anderen Kinderheim sollen Kinder regelmäßig durch die Straßen getrieben wurden, so dass die Bewohner sie schlagen und verspotten konnten. „Einer der Interviewten berichtete, dass er als Kind bei Pflegeeltern im dunklen Keller leben musste. Wenn die Pflegeeltern richtig Spaß haben wollten, legten sie ihn in eine Tonne auf der Außenterrasse und verrichteten ihr Geschäft auf ihm.“

Der menschenverachtende Umgang mit den Kindern, der durch die norwegische Regierung nach dem deutschen Truppenabzug unterstützt wurde, wird neben den furchtbaren Erfahrungen, die Norweger durch deutsche Soldaten erleben mussten, auch darauf zurückgeführt, dass man sich davor fürchtete, dass diese Kinder bei einer Rückkehr der Nazis als inländische Armeereserve benutzt werden könnten. Deshalb wurden sie, ähnlich dem Nazi-Jargon, als „Untermenschen“ klassifiziert, weil den Müttern starke Charakterschwächen nachgesagt wurden, die sie ihren Kinder vererbt hätten.

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