Politik : Anfängerfehler

Keine Klimaanlagen, kein Internet: Bei einer Kongo-Visite äußert der Chef des Bundeswehrverbands Kritik

Judith Reker[Kinshasa]

Bis 18 Uhr 14 sitzt Bernhard Gertz unbeweglich da. Stoisch lässt der Vorsitzende des deutschen Bundeswehrverbands dreieinhalb Stunden lang Vorträge über die Sicherung der Wahlen in der Demokratischen Republik Kongo über sich ergehen. Aber als ein kongolesischer Zuhörer in der katholischen Akademie fragt, was die Deutschen eigentlich im Kongo verloren hätten, wo doch ihre Armee seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr ins Ausland dürfe, spannt sich Gertz’ Rücken und er dreht sich neugierig nach dem Fragesteller um. Eine Antwort brennt ihm auf den Lippen, aber er ist hier nur zum Zuhören.

„Ich hätte ihm geantwortet: was die Deutschen im Kongo verloren haben, das wissen wir Deutschen selbst nicht so genau“. sagt er später beim informellen Umtrunk. Und schiebt hinterher: „Abgesehen davon ging die Frage natürlich von falschen Annahmen aus – wir sind ja seit 1993 in Auslandseinsätzen.“

Der neueste Einsatz der Bundeswehr – als Teil der EU-Mission für den Kongo – ist Anlass für Gertz’ Stippvisite in Kinshasa. Der Oberst will hier aber weniger seine Kritik am Sinn des Einsatzes aufwärmen. „Am Ende der Mission ziehen wir Bilanz“, sagt er und spricht lieber von den konkreten Arbeitsbedingungen: „Wir müssen mal ein großes Buch schreiben mit der Überschrift ‚Anfängerfehler‘.“ Und dann zählt er ein paar der organisatorischen Mängel auf: „Wenn man einen spanischen Kontraktor beschäftigt, um klimatisierte Zelte bereitzustellen, dieser Kontraktor aber im Land keinerlei Kontakte hat, dann ist diese Vergabe ein Fehler. Da muss sich niemand wundern, dass die Soldaten noch im Hotel wohnen, weil zwar die Klimageräte dastehen, aber die Verbindungskabel fehlen.“

Nächster Punkt, Verbindung zur Heimat: „Manche Soldaten sind jetzt seit einem Monat hier. Die haben keinen Internetzugang, die Feldpost ist nicht existent, das ist schlicht suboptimal.“ Er habe gleich 2500 Dollar spendiert für zwei Internet-Stationen, aus einem Topf des Verbands für genau solche Fälle. Die Aussage eines französischen Offiziers gab dem Verbandschef allerdings zu denken. Der hatte Gertz bei Bier und trockenen Brötchen ins Gesicht gesagt: „Also, von First Entry habt ihr keine Ahnung.“ Ganz will Gertz das nicht auf der Bundeswehr sitzen lassen, aber er gibt dem Franzosen doch teilweise Recht. First Entry, der Erstkontakt im Ausland, der Aufbau der Grundstrukturen eines Feldlagers – damit habe die Bundeswehr mit Ausnahme der Sanitäter tatsächlich noch zu wenig Erfahrung.

Gesehen haben wird Oberst Gertz nicht viel, wenn er am Donnerstag die Heimreise antritt. „Fahrten vom Flughafen zum Grand Hotel, vom Grand Hotel nach Ndolo (dem Hauptquartier), von Ndolo zum Flughafen und zurück“, bedauert er selbst. Daneben noch einige Fahrten zu verschiedenen Organisationen, aber selbst von Restaurantbesuchen ist ihm abgeraten worden – weil es zu gefährlich sei, abends das Hotel zu verlassen.

Damit dürfte Gertz etwa genauso viel von Kinshasa mitbekommen haben wie ein Großteil der deutschen Soldaten. Für eine eigene, ausgewogene Einschätzung der Sicherheitslage und der Stimmung in der Bevölkerung reicht das nicht, das hat er gemerkt. „Es ist sehr schwierig“, sagt der Verbandsvorsitzende, „ein repräsentatives Bild zu bekommen, wie die Bevölkerung die Eufor-Truppe wirklich sieht. Ob sie die Soldaten als Schutzpatron für Präsident Kabila betrachtet. Ob sie ihr zutraut, sie wirklich zu schützen.“ Das im Mandat verbriefte Ende des Einsatzes am 30. November hält er auch nach seinem Besuch in Kinshasa „für eine äußerst optimistische Annahme. Die lässt sich nur realisieren, wenn alle geplanten Wahlgänge störungsfrei über die Bühne gehen, ohne jede Verzögerung. Das wäre ein singuläres Ereignis in der kongolesischen Geschichte. Und an singuläre Ereignisse glaube ich nicht“.

Gertz, der Mann des klaren Wortes, der den Einsatz schon als „Showeinlage mit Militär“ betitelt hat, drückt sich bei der Schlussfolgerung ungewohnt geschraubt aus. Will er den Soldaten nicht die Hoffnung rauben, oder will er nicht als falscher Prophet dastehen, wenn der Einsatz nach Plan verläuft? So sagt er: „Die Realität ist möglicherweise, dass unsere Soldaten an Weihnachten noch nicht unbedingt zu Hause sein werden.“

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