Politik : Angehörige wollen unabhängigen Tüv für Pflege

Rainer Woratschka

Berlin - In zwei Monaten tritt die Pflegereform in Kraft – doch was sie an Neuerungen bringt, wissen selbst die Angehörigen von Pflegebedürftigen nicht genau. Nach einer Emnid-Umfrage im Auftrag des privaten Pflegeheimbetreibers Marseille-Kliniken nehmen 57 Prozent der Befragten an, dass es bereits eine verlässliche Zertifizierung von Pflegeheimen gibt. 55 Prozent glauben, dass das Finanzierungsproblem der Pflegeversicherung mit dem erhöhten Beitragssatz langfristig gelöst ist.

In Sachen Pflege bestehe „flächendeckender Aufklärungsbedarf“, fasste Emnid-Chef Klaus-Peter Schöppner das Ergebnis zusammen. Jeder vierte bis fünfte Befragte hat keine Vorstellung, was er im Pflegefall aus eigener Tasche zuzahlen müsste. Wer eine Schätzung wagte, lag meist zu hoch. Ein „Angsttreiber“ sei vor allem die stationäre Pflege. Im Schnitt rechnen die Betroffenen hier mit einem Eigenanteil von 1880 Euro, tatsächlich beträgt er in der ersten Stufe 577 und in der dritten 1258 Euro.

Die Präferenz der Mehrheit überrascht nicht: 84 Prozent ziehen betreutes Wohnen der pflegerischen Rundumbetreuung vor. 99 Prozent wünschen sich gut ausgebildetes Personal, 98 Prozent wollen eine „Betreuung des ganzen Menschen“.

Den Hauptgrund für Pflegemissstände sehen die meisten in Personalmangel. 83 Prozent glauben, dass Mindestlöhne helfen könnten, und neun von zehn Befragten erwarten Verbesserungen durch häufigere Kontrollen. Mit dem aktuellen fünfjährigen Prüfrhythmus sind nur zwei Prozent zufrieden, 37 Prozent wünschen sich die Kontrollen alle zwei Jahre, 50 Prozent jedes Jahr. Die Bürger forderten ein „gläsernes Pflegeheim“, von einer Institution wie dem Tüv geprüft und nicht vom Staat oder den Pflegekassen, sagte Schöppner.

Mit der beschlossenen Reform ist vorgesehen, dass Pflegeheime jährlich unangemeldet kontrolliert und nach einheitlichen Kriterien beurteilt werden – allerdings erst ab 2011. Rainer Woratschka

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