Angela Merkel bei Anne Will : "Sind das eventuell Ihre Bedürnisse?"

Bernd Matthies überlegt, wo Bedürfnisse eigentlich hingehören: unter den Tisch, unter dem Teppich - oder gar in die Kanzleramtsmülltonne? Angela Merkel hat sich da etwas unklar ausgedrückt.

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Ließen sich unter dieses Tischlein Bedürfnisse kehren?
Ließen sich unter dieses Tischlein Bedürfnisse kehren?Foto: Rainer Jensen/dpa

Ein Problem unserer Bundeskanzlerin besteht darin, dass sie häufig Sätze sagt, die beim ersten Hören locker durchgehen, ja, klar, denkt man, so ist sie halt, so will sie das. Stark klingt das, alternativlos, europäisch. Aber beim Nochmal-Hören oder Nachlesen beginnt das Bild zu wackeln, zerbröseln die Sätze und wecken Zweifel. Hat sie wirklich gesagt, „aber wir sagen jedem, dass seine Bedürfnisse nicht unter den Tisch gekehrt werden“?

Da ist schon mal der Tisch. Im Studio bei Anne Will stand einer, ein kleines Couchtischchen, das eigentlich nur dazu da war, der Szene und den beiden Akteurinnen Halt zu geben – sie sollten sich fühlen wie zu Hause vor der Glotze und nicht dahinter.

Aber falls jemand ernsthaft versuchen würde, etwas unter dieses Ding zu kehren, würde es zweifellos spätestens am nächsten Morgen von der Putzkolonne gefunden werden. Ach, Frau Will, würde der Schichtleiter sagen, da hat irgendjemand seine Bedürfnisse im Studio vergessen, sind das Ihre?

Wenn überhaupt: Bedürfnisse kehrt man besser unter den Teppich als unter einen Tisch

Nein: Auch wenn die Kanzlerin ihre Worte an die Deutschen ganz alternativlos wirken lassen möchte, gibt es oft eine Alternative zu ihnen, oft sogar eine bessere: Sie hätte uns versprechen können, unsere Bedürfnisse nicht unter den Teppich zu kehren.

Ließen sich unter dieses Tischlein Bedürfnisse kehren? Eher nicht. Da müsste schon ein Teppich her.
Ließen sich unter dieses Tischlein Bedürfnisse kehren? Eher nicht. Da müsste schon ein Teppich her.Foto: Rainer Jensen/dpa

Das sagt man im allgemeinen so, und es ist auch das stimmigere Bild, weil der Teppich, sofern er groß genug ist, alles unter sich verschwinden lässt, jedenfalls bis zu jenem Punkt, an dem sich Beulen bilden und die Stolpergefahr zunimmt.

Die nächste Frage an die Kanzlerin müsste allerdings lauten: Kann sie überhaupt Bedürfnisse irgendwohin kehren? Sind Bedürfnisse nicht etwas, was den Wählern gehört, etwas, was sie geltend machen, einfordern, artikulieren können? Ist es ihnen nicht gerade eigen, dass sie, unter dem Tisch, unterm Teppich oder in der Kanzleramts-Tonne angekommen, von ihren Urhebern als besonders dringend wahrgenommen werden? Sind es nicht die verständlichen Bedürfnisse von heute, die morgen eventuell zu unverständlichen Wahlentscheidungen führen?

Wenn ich ihn gut begründe, sagt die Kanzlerin, dann werden die Menschen meinen Weg mitgehen. Aber: „So lange wir noch keinen nachhaltigen Erfolg sehen, werden die Menschen Zweifel haben." Falls aber nicht, besteht die Gefahr, dass Bedürfnisse, Zweifel und Begründung am Ende doch irgendwohin gekehrt werden müssen. Wenn das Kanzleramt demnächst Tische mit Teppichen drüber bestellt, wird es ernst.

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