Angela Merkel im Wahlkampf : Das Private verdrängt das Politische

Angela Merkel plaudert bei Wahlkampfauftritten übers Kochen und Männer. Auch in der SPD setzen sie auf Persönliches. Wie das Private das Politische verdrängt.

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Unschuldsmiene. Die CDU wirbt mit ihrer Kanzlerin. Als Jugendliche, die auch mal campen war.
Unschuldsmiene. Die CDU wirbt mit ihrer Kanzlerin. Als Jugendliche, die auch mal campen war.Foto: dpa

Nun hat es also auch der Horst getan. Gerade wird Angela Merkel in Jugendjahren millionenfach unters Volk gebracht, hat der Bürger Peer Steinbrück von der eigenen Frau zu Tränen gerührt sehen und traurige Familienschicksale von Sigmar Gabriel und Ursula von der Leyen lesen können – da mochte der Bayer nicht nachstehen. Am Gartentisch daheim im Grünen sitzend, präsentiert sich Horst Seehofer, wie er sich von der Gattin ein Paar Weißwürste kredenzen lässt. Dass das Private politisch sei, war vor Jahrzehnten die Kampfparole der Frauenbewegung. Die Politik hat diesen Satz längst für ihre Zwecke umgedeutet. Aber selten hat sie das so geballt und gezielt getan wie in diesem Wahlkampfjahr. Das Private ist auf dem Wege, das Politische zu ersetzen.

An einem Nachmittag im Juli steht Angela Merkel auf der Hafenmole von Neuharlingersiel. Die Bädertour zu Ferienbeginn ist fester Programmpunkt im Wahlkampf der CDU-Vorsitzenden. Der alte Krabbenfischer-Hafen ist ein beliebtes Ausflugsziel an der ostfriesischen Nordseeküste, die ansonsten eher sparsame Reize wie Deich, Watt und Windrad bietet. Und jetzt also die Frau, die von einem flatternden Banner am Badestrand kumpelig mit „Moin Angela“ begrüßt wird.

Und von Jan Stecker. Der verdient sein Geld sonst als Sportmoderator beim Fernsehen. Wenn Merkel in den Wahlkampf zieht, bestreitet der gebräunte Sonnyboy das Vorprogramm, sagt den Einheimischen, dass „die Kanzlerin sich immer die Orte in Deutschland aussucht, die sie selber mag“, und simuliert zuletzt eine Talkshow. „Geh’n wir mal ’n bisschen weg von der Politik ins Private hinein“, sagt Stecker dann. Und Merkel geht mit.

Geschichte mit Merkel
"Sie können Frau Merkel zu mir sagen." So stellte sich die Regierungschefin einer zwölften Klasse des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums in Prenzlauer Berg vor.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: Reuters
13.08.2013 16:38"Sie können Frau Merkel zu mir sagen." So stellte sich die Regierungschefin einer zwölften Klasse des...

Jan Stecker ist für sie Gold wert. Dass die CDU-Chefin über den Euro redet, über demografische und ökonomische Herausforderungen oder auch über Mindestlöhne, all das hören die Leute geduldig an. Aber dass Merkel gerne selber kocht, und dass sie dabei ja nun nicht dauernd denke „Kanzlerin rührt im Kochtopf“ – den Satz merken sie sich. „Die ist ja wirklich normal geblieben!“, strahlt hinterher eine Geschäftsfrau. Sie betrachtet Politik sonst eher distanziert. Aber Merkel am Kochtopf ...

Der Trick funktioniert also.

Jeder Schnipsel Privates ist fette Beute

Bis vor kurzem galt die Frau im Kanzleramt in Privatsachen als wenig auskunftsfreudig, ja spröde. Die Sparsamkeit war nicht direkt Strategie, sondern eine Mischung aus Vorsicht und Wesensart; aber sie zahlt sich jetzt aus. Man glaubt wenig zu wissen über diese Frau. Und so kann sie seit Monaten immer wieder kleine Einblicke ins Persönliche in Szene setzen.

Im Frühsommer bietet die Frauenzeitschrift „Brigitte“ ihr eine Theaterbühne in Berlin. Frauensalon, Frage an die Kanzlerin: Was sie an Männern besonders möge? „Schöne Augen“, gibt Merkel zurück. Pause. Ob sie das eventuell etwas erläutern ... ? „Das war doch jetzt schon viel.“ So viel Sprödigkeit muss bleiben. Für den Trick ist das besser: Jeder Schnipsel aus dem Privatleben bekommt den Anschein der seltenen Jagdbeute.

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